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Gastbeitrag
Wirtschaft

WIR 5 - Werktags, sonn- und feiertags

von Sandra Schwaiger

Am 7.Tage ruhte der Schöpfer und betrachtete voller Neugierde und Zufriedenheit sein Werk. Seine Schäfchen sollten es ihm gleichtun, einen Tag pausieren und ruhen. Nur einen Tag von sieben darf ich ruhen? Was passiert an den anderen sechs Tagen?

Beim Durchstöbern Entspannung verheißender Printmedien spüre ich die Aufforderung, eine gute Work-Life-Balance zu finden und sie versprechen die perfekte Anleitung dazu. „Mit Freude in die Arbeit … und mit Freude nach Hause …“ habe ich in einem ihrer Kommentare gelesen und das hat mich angeregt, über die Begriffe Arbeit, Integrität und Muße nachzudenken. Und da brennt gleich die erste Frage auf meiner Zunge, wie ich das dauerhaft und vor allem gesund durchstehe, wenn ich nur einen Tag leben darf und die anderen arbeiten muss, da man ja work und life trennt und zwischen 6 und 1 eine Balance finden soll? Woher kommt die Annahme, dass Arbeitszeit mit Leidenszeit verbunden ist und das Leben außerhalb davon, nämlich in der Freizeit, stattfinden soll?

Die Leistungsgesellschaft hat eine Unfähigkeit zur Muße hervorgebracht. Untätigkeit führt schnell zu Schuldgefühlen. Wer traut sich noch richtig faulenzen? Mit Faulenzen ist nicht das Dahindämmern vorm Fernseher gemeint und auch nicht das Verausgaben im Fitnesscenter. Immanuel Kant definierte Faulheit als „Hang zur Ruhe ohne vorangegangener Arbeit“. Heute erlauben wir uns Faulheit nicht einmal nach getaner Arbeit. Dabei erlebe ich es an mir selbst, dass die Phasen des Nichtstuns meine kreativsten Momente sind. Finde ich dafür tagsüber keine Zeit, erobert sich das Gehirn die eigentliche Einschlafzeit für das Formulieren neuer Ideen, sodass es mir die nötige Erholung raubt. Faulenzen leert den Kopf, entspannt und bringt uns in den Modus, in dem Muße entstehen kann.

„Mußevolles Arbeiten“ … klingt wie ein Zustand in einer kleinen Schreinerwerkstatt zu längst ergrauten Zeiten. Und doch gibt es sie auch heute, versteckt und ganz real, eine kleine Tischlerwerkstatt, in der alte Handwerkskunst, geschickte Hände, der Duft von Holz und der Handwerker voll Hingabe an sein Werkstück ineinander schmelzen und wunderschöne Möbel entstehen. Oder im Kärntner Lesachtal ein kleiner Tourismusbetrieb, dessen Charme im Selbstausdruck an allen Ecken und Enden des Betriebs sichtbar und spürbar ist, erklärt die Begriffe „Integrität und Muße“ von selber.  Der Inhaber erklärt mir auf die Frage, was er mit dem Begriff „Arbeit“ verbindet: „Ich brauche zuerst eine Vision. Und wenn die Vision stärker wird und sich ihre Umsetzung in klare Gedanken formt, dann geh ich an die Arbeit. Und das wichtigste dabei ist für mich, dass jeder Ausdruck, jede Idee meinen Werten entspricht.“  

Wenn wir uns demnach als „Selbständige“ in unserem Unternehmersein bezeichnen, kommen wir um den Wortteil „Selbst“ nicht herum. Wer sich in dem, was er ist, nicht ausdrückt, verpasst eine große Möglichkeit: zu erkennen, wer man selbst ist und ob eine Synergie mit meinem Betrieb, meiner Dienstleistung oder meinem Produkt spürbar ist, hat gewonnen. Und zwar Quality-Time werktags-, sonn- und feiertags! Und im Hintergrund plaudert die Werbedame eines uns allen bekannten Möbelhauses, dass die neueste Matratze eine gute WORK-LIFE-SLEEP-Balance garantiert.

Die Autorin
Sandra Schwaiger

Inhaberin des Yogastudios innen.raum., Yogalehrerin und leidenschaftliche Denkerin über die großen Fragen des Lebens. Gemüsegärtnerin und Autodidaktin.

Wirtschaft
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