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Wirtschaft

WIR 12 - Mensch ärgere dich nicht

von Gerhard Hinterkörner

Im letzten Teil meiner Einschätzung für künftige Zukunftsmärkte und Chancen möchte ich mich heute der Spielindustrie widmen. Dieser unglaublich wachsende Markt hat im vergangenen Jahr 159 Milliarden Dollar umgesetzt. Aber für mich noch beeindruckender sind die 2,3 Millarden User weltweit. D.h. fast jeder dritte Mensch auf der Welt ist ein sogenannter „Gamer“. Wir reden hier aber nur von der digitalen Welt der Spiele.

Die analogen Varianten, wie Karten,- Schreib,- Rate,- und Würfelspiele, die einigen unter uns vielleicht noch bekannt sind, werden mittlerweile als „Retro-Attraktionen“ in eigenen Locations angeboten. In sogenannten „Game an Dine“ Lokalen können die ansonsten in ihren eigenen vier Wänden gefangenen digitalen Gamer eintauchen in die längst vergangene Welt von Brettspiel, Puzzle oder Mastermind.

Wikipedia definiert solche Art von Gesellschaftsspielen als „Zeitvertreib zum Zwecke des Vergnügens“. Eine andere Formulierung habe ich kürzlich von einer Gamedesignerin, die es mit ihren 23 Jahren schon zu einem beachtlichen Vermögen gebracht hat, gehört: „Die Menschen sind fasziniert von dem Flow, der von einem Spiel ausgehen muss“. Um dieses Gefühl der völligen Vertiefung, um nicht zu sagen diesen Rausch zu erreichen, werden hunderte Millionen von Euros in die Entwicklung eines neuen Spiels gesteckt. Diese Budgets erreichen Dimensionen, von denen die Filmindustrie nur träumen kann.

Aber wie erreicht man diesen Flow? Bei Kindern ist dieses völlige Aufgehen in einer momentanen Tätigkeit oder Beschäftigung noch sehr häufig zu sehen, bevor sie von Erwachsenen oder vom Schulsystem aus diesem glücklichen Unendlichkeitsgefühl gerissen werden, und es ihnen aberzogen wird. Später würden wir als Unternehmer diese Menschen und Fähigkeit wieder dringend benötigen, aber das ist eine andere Geschichte.

Mir geht es heute um jenes Fließen, Rinnen und Strömen, das nur im Zwischenraum von Über- und Unterforderung entstehen kann. In dieser Phase sind die Spieler so weltvergessen, dass es schon mal vorkommt, dass man auf Essen, Trinken oder Schlafen vergisst, von der Vernachlässigung von Familie, Freunden oder sonstigen sozialen Kontakten ganz zu schweigen. Die Gamer spielen nicht mehr die jeweiligen Helden in ihren Spielen, sondern sie sind es. Darüber hinaus können sie ganze Handlungsabläufe im Spiel selber gestalten oder beeinflussen. Wie im wirklichen Leben fällt einem die Fehlentscheidung, irgendwann falsch abgebogen zu sein, im späteren Verlauf irreparabel auf den Kopf. Eine gute Schule für das Leben!

Ich denke, wir sollten auf dieses starke Verlangen nach dem Flow im wirtschaftlichen Leben viel mehr Rücksicht nehmen. Schauen wir genauer hin, mit welchen Aufgaben unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über- oder unterfordert sind. Den Flow können wir auch im wirklichen Leben erzeugen. Schauen Sie sich einen Handwerker an, der in seiner Arbeit versunken ist, oder einen Chirurgen, der hochkonzentriert eine Operation durchführt, oder einen Musiker, der eins wird mit seinem Instrument, einen Sportler, der bei der Ausschüttung von Glückshormonen auf seine aufgerissenen Blasen an den Füßen vergisst.

Das Ausloten der Potenziale von Mitarbeitern ist Schwerstarbeit. Man nennt dies Führungsarbeit. Für mich manchmal das Gegenteil vom heutigen „managen“. Wenn ich nur das Tagesgeschäft manage, habe ich keinen Kopf, die Mitarbeiter zu führen. Darauf zu achten, ob sie unter- oder überfordert sind. Wenn ich mir die Zeit aber nehme und natürlich die entsprechenden Führungsqualitäten auch mitbringe, dann ist eine Potenzialentfaltung möglich, die völlig neue Möglichkeiten bietet.

Nehmen Sie sich Anleitung aus dieser Parallelwelt der Gamer. Mir fällt dazu eines der bekanntesten Brettspiele der Welt ein: Monopoly. Bauen Sie sich Ihr eigenes Monopoly auf, nicht wie in der Urfassung vorgesehen mit dem Ziel alle anderen Mitspieler in den Ruin zu treiben, sondern nutzen sie die Kraft und Kreativität Ihres Teams, um Ihr gemeinsames Imperium aufzubauen. In einer spielerischen Kultur und in einer neuen Qualität der Beziehungen. Im Flow!

Der Autor
Gerhard Hinterkörner

Unternehmer aus Leidenschaft, Familienvater, Hobbysportler und Genussmensch!

g.hinterkoerner@movement21.at

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