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Führung und Stil

von Gerhard Hinterkörner

Als ich vor fast einem Jahr mit der Movement 21 gestartet bin, erntete ich oft ein müdes Lächeln mit meiner Botschaft, dass höher, weiter und schneller eigentlich ausgedient hätte. Vergangenen Samstag schrieb Herr Mandlbauer im Leitartikel der OÖN, dass sich genau dieser Grundsatz immer mehr „totgelaufen“ hat. Einige Tage zuvor sprach unser Bundeskanzler sogar von First-Mover Ländern! Hätte man mir vor einem Jahr gesagt, wer aller meine Botschaften und Slogans übernimmt, darauf hätte ich nur müde gelächelt!

Aber im Ernst: paradoxerweise bin ich jetzt selber gar nicht mehr so überzeugt von der Aussage von Herrn Mandlbauer. Ich komme später dazu, warum bei mir die Skepsis wächst. Wo ich aber zu hundert Prozent konform mit ihm gehe ist seine – im gleichen Artikel – beschriebene Spaltung des Landes. Lassen Sie mich in Bezug auf die Wirtschaft zwei große Tendenzen beschreiben:

Wir haben mittlerweile rund zweihundert First Mover und einige hundert Abonnenten in den sozialen Medien, obwohl wir erst vor zwei Wochen gestartet sind. Rund achtzig Prozent meiner fixen Mitglieder sind Unternehmer/innen, der Rest Freigeister, Führungskräfte, Sportler oder Künstler. Auch einige Persönlichkeiten mit Bekanntheitsgrad sind mit an Bord und einige davon haben wirklich Außergewöhnliches geleistet oder in ihrem Leben erreicht.

In den letzten Tagen erreichen mich Berichte über außergewöhnliche Projekte, Ideen oder Aktivitäten, die vorrangig fast alle eines gemeinsam haben: sie haben entweder eine ökologische Ausrichtung, oder sie dienen der Gesellschaft, den Mitarbeitern einer Firma oder schlicht dem Gemeinwohl. Besonders freut es mich, dass die Beiträge und Impulse der Movement 21 bei einigen die Initialzündung dafür waren. Wir werden hier bald schon konkret einige dieser Initiativen vorstellen. Die Freude darüber, was da im Entstehen ist, lässt sich mit Worten kaum fassen.

Soweit die guten Nachrichten. Warum bin ich trotzdem skeptisch? Parallel zu diesen Nachrichten bekomme ich leider auch – und traurigerweise nicht wenige – Berichte über eine völlig entmenschlichte (ich wähle dieses harte Wort ganz bewusst) „Führungskultur“ in den Unternehmen. In Firmen mit Umsätzen knapp an der Milliarde werden Zulieferer unter Druck gesetzt, Mitarbeiter von völlig inkompetenten Vorgesetzten denunziert. Ein langjähriger Mitarbeiter eines solchen Konzerns hat mir erzählt, dass der CEO persönlich dem regionalen Wirt den Preis in Höhe von € 5,-- für das angelieferte Mittagessen nochmals um 50 Cent gekürzt hat. Übrigens auch eines der Unternehmen, das seine Mitarbeiter trotz guter Auftragslage in Kurzarbeit geschickt hat. Andere berichten über sofortige Freistellungen von langjährigen Mitarbeitern, weil sie Entscheidungen zur Diskussion stellen. Und diese Vorgangsweise spielt sich in familiengeführten Unternehmen ab, wo die Eigentümer für sich christliche Werteverständnisse wie Ethik und Moral beanspruchen. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Vielerorts liest man jetzt von einem völlig geänderten Führungsstil. Corona hätte gezeigt, dass man Mitarbeitern mehr Verantwortung übergeben kann. Insbesondere das Homeoffice habe gezeigt, dass das Potenzial der Mitarbeiter noch viel mehr genutzt werden könne. Führung von gestern und Kontrollfreaks braucht kein Unternehmen mehr. Und so weiter und so fort. Meiner Meinung nach sind diese Botschaften, oder die ganze Beraterbranche, die sich um dieses Themenfeld positioniert, völlig überflüssig.

Jene Unternehmen, die ihren Mitarbeitern vertrauen und ihre Potenziale fördern, brauchen keine Seminare dafür, um zu spüren und zu wissen, wie sie ihre Mitarbeiter führen sollen. Und für jenes entmenschlichte Management liegt die Latte bei solchen Zielsetzungen viel zu hoch. Sie haben weder Stil noch haben sie eine Ahnung von Führung.

Der Autor
Gerhard Hinterkörner

Unternehmer aus Leidenschaft, Familienvater, Hobbysportler und Genussmensch!

g.hinterkoerner@movement21.at

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