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Wirtschaft

Der Spieler

Mein erster Chef in der UNO war ein notorischer Spieler. Er kompensierte den Stress der ständigen Katastrophen, die er managen musste, mit regelmäßigen Besuchen im Kasino von Nairobi. Blackjack und Poker, manchmal Roulette.

08.07.2019

Er managte damals in den frühen 90ern einige der größten Flüchtlingskrisen wie die Kurdenvertreibung im Irak oder später 1992 - 1994 die über eine Million Flüchtlinge die aus Somalia, Äthiopien und dem Sudan nach Kenia flohen. Dort lernten wir uns kennen. Ein Mann mit Charisma, Vision; ein Stratege mit einem Hang zum kalkulierten Risiko. Und er war erfolgreich.

Die Lektion, die er mich damals lehrte war eine, die mich bis heute beeinflusst. An einem dieser Abende im Kasino war er am Verlieren beim Poker, lachte aber und sagte:" Jetzt habe ich verloren, aber beginnen wir ein neues Spiel." Seine Philosophie war die Überzeugung, dass es nichts nützt über seine Karten und die möglichen Karten des Gegenspielers zu brüten, zu zögern und das Spiel zu verschleppen und dass man im Gegenteil so schnell wie möglich spielen muss.

"Wenn du nicht spielst und kein Risiko auf Dich nimmst, kannst du nie gewinnen! Wenn du verloren hast, kannst Du es noch einmal versuchen." brachte er uns Anfängern bei.

Diese Lehre habe ich mir zu Herzen gneommen und in den Jahrzehnten seit diesen frühen Tagen in Nairobi, Risiken in meiner Arbeit nicht gescheut. Ich habe nach "vorne" gearbeitet, gelernt viele schwierige, manchmal unpopuläre oder riskante Entscheidungen zu treffen. Oft ging es um Menschenleben, das Überleben von Schutzbedürftigen oder von mir selber oder meinem Team, wenn uns die Oben um die Ohren flogen. Aber es ging immer um das eine: den Status Quo und Stagnation zu verhindern. Und ich war damit erfolgreich. Es gab immer einen erkennbaren Weg, eine Strategie und einen klaren Plan in den vielen komplexen Krisen, die ich gemanagt habe.

Auch das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien, dessen Leitung ich Anfang 2013 übernahm, war sicherlich einer dieser Erfolge. Hunderttausende Syrische Flüchtlinge waren dort untergebracht, die nicht in einem Zeltlager leben wollten, nicht von humanitärer Hilfe und Almosen abhängig sein wollten, sondern als verantwortliche Menschen für sich selber sorgen wollten. Sie rebellierten, vandalierten und wurden gewalttätig gegenüber den Helfern und den jordanischen Behörden. Ich benötigte zwölf Monate um die Situation zu beruhigen, um dieses Lager zu einem der friedlichsten der Welt zu machen.

Dieses Meisterstück war mir gelungen, weil ich zunächst ein starkes Team aufbaute, in dem ich meine eigenen Schwächen als "Boss" mit kompetenten Kollegen ergänzte und "Leadership" als Teamwork auffasste, währenddessen ich der ultimative Entscheidungsträger blieb.

Der zweite entscheidende Faktor war, dass ich den direkten Dialog mit den Syrern suchte, auch zu denjenigen, die Gewalt organisierten, illegeale und kriminelle Strukturen aufbauten und wenig an Frieden interessiert waren. Das war nicht immer ungefährlich. Ich brachte aber die Mehrheit der Bevölkerung auf meine Seite, indem ich sie an der Planung teilhaben ließ, sie dazu brachte eine gemeinsame Vision mit uns für diesen Lebensraum, der für Jahre, vielleicht Jahrzehnte ihr Lebensraum sein würde, zu entwickeln. Aber es waren oft auch kleine Maßnahmen, die Vertrauen schafften. Es ging auch darum, wirkliche Alltagsprobleme von politisierten manipulierten Themen zu trennen. War es wirklich die angeblich schlechte Wasserqualität, gegen die gewaltsam demonstriert wurde oder waren es eher die Selbstinteressen der kriminiellen Gangs, die Unruhe stiften wollten? Das Thema "Wasser" und die generelle Frustration schamlos nutzten? (Jegliche Parallelen zur gegenwärtigen Politik sind hier rein zufällig!).

Der dritte wichtige Faktor meines Erfolges war, dass ich das Narrativ des temporären Flüchtlingslagers in Frage stellte und auch die irreführende Auffassung, dass Flüchtlinge ja zurückkehren werden, müssen und das auch wollen. Sind nicht alle unsere Städte aus Feldlagern der Römer oder als Zufluchtsorte mit dem Schutz der Burg, der Kirche, der Moschee oder des Tempels entstanden. Sind wir nicht alle Ergebnis von Fluchtbewegungen unserer Vorfahren, wo es keine Rückkehr gab? Es ist essentiell anzuerkennen, dass Menschen auf der Flucht sich verändern, lernen, mit einer Träne in den Augen zurückschauen, aber in die Zukunft träumen. Also galt und gilt es auch, das Flüchtlingslager Zaatari als Stadt der Zukunft zu begreifen und so zu planen und zu entwickeln. Ich holte mir Hilfe und technische Unterstützung der Stadt Amsterdam.

Mit diesem unkonventionellen Ansatz stand ich 2013 noch allein. Der jordanische Außenminister wollte mich wegen dieser Ideen aus dem Land werfen lassen; mich rettete die Intervention des amerikanischen Außenministers John Kerry, der meinen Ansatz als zukunftsweisend ansah. Nach meinem Austritt aus der UNO 2014 wurde ich als Spinner und Chaot von vielen humanitären Organisationen verdammt. Heute werden meine Ideen in den Universitäten erforscht und gelehrt und angehenden Städteplanern, Architekten und humanitären Experten diskutiert. Auch die Hilfsorganisationen beginnen, sich an diese Ideen zu gewöhnen.

Ich habe auch einen neuen Ansatz für die Entwicklung von neuen Lebens- und Arbeitsräumen durch Stadtentwicklung in sogenannten "Special Development Zones" entwickelt. In diesen neuen Städten werden Migranten, Flüchtlinge aber hauptsächlich die vielen Menschen, die in die Städte vor Armut und Kimawechsel fliehen und menschenwürdige Perspektiven suchen, leben können. Dieses Konzept, das wir im Rahmen meiner Arbeit 2017 für das Kanzleramt unter Kanzler Kern entwickelt haben, wird nun in Äthiopien gegen viele anfängliche Widerstände umgesetzt und soll auch in Libyen weiterentwickelt werden. Es wird als wegweisendes Instrument einer verantwortungsvollen Migrationspolitik angesehen.

Ich habe gespielt, habe Risiken auf mich genommen, habe oft verloren, bin immer wieder gescheitert aber dazu durch konsequentes Handeln habe ich zu einer ein bisschen besseren Welt beigetragen. Wir sollten alle wieder lernen, Entscheidungen zu treffen, den Mut zu haben, kontrovers aber konsequent, ethisch und auf Werte gestützt zu handeln.

 

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Der Autor
Kilian Kleinschmidt

Kilian Kleinschmidt ist ein humanitärer Migrationsexperte mit mehr als 25 Jahren Erfahrung in vielen Ländern, Krisensituationen und Flüchtlingslagern. Er hat für die Vereinten Nationen und vor allem das UNO Flüchtlingshilfswerk UNHCR gearbeitet und war in das Management vieler   der größten Krisen der Welt involviert.

Kilian Kleinschmidt hat 2015 seine Autobiographie “Weil es um die Menschen geht” (Econ) geschrieben und die Bücher “Beyond Survival” (2016, Mair-Dumont) und “Tod dem Helfer”(2017,Mair-Dumont)  veröffentlicht.

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