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Betrüger oder Vollidioten?

von Gerhard Hinterkörner

Derzeit findet einer der größten Wirtschaftsskandale aller Zeiten statt. Es geht im Wirecard. Einige werden über diese Causa Bescheid wissen, manche vielleicht nicht. Ich sage es wie es ist: ich bin einer der unmittelbar Betroffenen und manche werden jetzt vielleicht meinen, Recht geschieht ihm, wer viel riskiert kann auch dabei verlieren. Mir geht es aber nicht vorrangig um den eventuellen Verlust, den ich dadurch einfahren könnte – solange ich nicht verkaufe ist es ja nur eine Zahl auf einem Depot –, sondern mir geht es um einen kompletten Vertrauensverlust auf verschiedenen Ebenen.

Aber vielleicht kurz zu Erklärung, für alle die das bisher nicht interessiert hat. Und lesen Sie bitte weiter, denn auch wenn Sie nicht in Aktien investieren, könnte Sie das interessieren: Wirecard ist ein deutscher Zahlungsabwickler, der bisher vom Österreicher Markus Braun geführt wurde. Mittlerweile musste er den Hut nehmen und steht unter Betrugsverdacht. Der Aktienkurs verlor vorige Woche rund 70 Prozent. Der Hintergrund: es fehlen 1,9 Milliarden (!!) Euro. Das Geld ist einfach verschwunden. Das Treuhandkonto, auf dem dieser Betrag liegen sollte (immerhin ein Viertel der Bilanzsumme) konnte nicht Wirecard zugeordnet werden.

Soweit, wirklich in aller Kürze, zu den Fakten. Jetzt fragt man sich als Unternehmer: Wie geht so etwas? Auch ich habe jahrelang ein Unternehmen geleitet, zwar nicht in so einer Größenordnung, aber doch mit einem sehr hohen zweistelligen Millionenumsatz. Viele Jahre waren wir schon dazu verpflichtet, unsere Bilanzen neben dem Steuerberater auch noch von einem Wirtschaftsprüfer überprüfen zu lassen. Oft genug verbrachten wir Stunden damit, Beträge über mehrere hundert Euro zu suchen und letztendlich auch zu finden, damit die Bilanz auch in der dritten Kommastelle hundertprozentig sauber ist. Wir hatten auch nie ein Problem damit, weil wir mit dieser Vorgehensweise beruhigt jeder Finanzamtprüfung entgegen sahen.

Jetzt habe ich mir oft sagen lassen: Gründe nie eine Aktiengesellschaft. Die Prüfungsberichte und Pflichten bei dieser Rechtsform sind an Bürokratismus nicht mehr zu überbieten. Allein der Leitfaden zu den Aktienindizes hat 76 Seiten. Und Wirecard ist nicht irgendwo vertreten, sondern im DAX: es ist dies – zumindest war er das für mich – der bedeutendste deutsche Aktienindex. Die 30 größten und liquidesten Unternehmen, zu denen gehört auch Wirecard, repräsentieren 80 Prozent der Marktkapitalisierung der börsennotierten Aktiengesellschaften von Deutschland.

Es gibt unglaubliche Auflagen, um dorthin zu kommen. Die Gesellschaften werden von den renommiertesten Steuerberatungskanzleien der Welt überprüft. Und dann verschwinden 1,9 Milliarden Euro!? Noch vor wenigen Wochen hat ein Prüfbericht der KPMG „kleine Abweichungen“ festgestellt, sofort wurde beruhigt: „Alles im Lot! Es wird ein astreines Testat geben.“ Und 3 Wochen später stellt sich der CEO diese Unternehmens auf die Bühne und erklärt, er könne nicht sicher sagen, ob es diesen Betrag wirklich gibt.

Was sagt uns das neben der Tatsache, dass man ihn und alle Verantwortlichen sofort von der Bühne weg verhaften sollte? Ist er ein Vollidiot oder ein Betrüger? Und was ist mit allen anderen unabhängigen Instanzen, die hier seit Monaten überprüfen? Idioten oder Betrüger? Was ist mit den ganzen Auflagen und Pflichten innerhalb des DAX? Herrscht dort Dilettantismus oder kriminelle Energie?

Ich weiß es nicht und bin tief erschüttert von diesem Skandal. Ganz sicher bin ich mir jedoch, dass eine Eigenschaft, die Herrn Braun mit allen anderen verbindet, die unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft entzweien und weitgehend zugrunde richten, völlig fehlt:  soziale Kompetenz. Sehr viele Wegbegleiter melden sich jetzt zu Wort. Gestern war in der „Presse“ auch ein Porträt von ihm. Auch dort war abschließend einhellig von dieser Empathielosigkeit zu lesen. Dieser unglaubliche Mangel bei vielen – bald hätte ich geschrieben unzähligen – Führungskräften lässt tausende MitarbeiterInnen jeden Tag leiden und führt am Ende fast immer in ein Desaster. Solange die unteren Hierarchien jahrelang stillschweigend diese Menschen ertragen, werden sich solche Geschichten wiederholen.

Es ist Zeit, diesen Typ Manager in die Wüste zu schicken. Ausgestattet mit vielen Aktien des eigenen Unternehmens, dafür ohne Wasservorräte.

Der Autor
Gerhard Hinterkörner

Unternehmer aus Leidenschaft, Familienvater, Hobbysportler und Genussmensch!

g.hinterkoerner@movement21.at

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