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KU 5 - Von Zäunen, Grenzen und anderen Beschränkungen

In den 80ern war es die Thuje, die am Rande zahlreicher Grundstücke in Reih und Glied eingepflanzt wurde. Da ich in einem Wohnblock nebst riesigem Waldgebiet aufgewachsen bin und Zäune nicht zu meinem täglichen Anblick gehörten, war dieser Gartengestaltungstrend damals für mich auch völlig unbedeutend. Erst im jugendlichen Alter schärfte mein Professor im Fach Bildnerisches Gestalten meinen Blick für den Einzug der sogenannten Zypressengewächse in den Siedlungsgebieten.

Er selbst gestaltete seine Grundgrenzen mit heimischen Stauden und erklärte uns deren vielfachen Vorteil. Wir wurden auf Fotojagd geschickt, um die wundersamsten Pflanz- und Gestaltungskreationen festzuhalten. Scheinbar ist mir der Fokus auf Gartenzäune hängengeblieben. Vor allem als Beifahrerin hängt mein Blick liebend gern an diversen Einfriedevariationen und ich staune, wie schnell die Trends sich ändern. Den Trend zum zaunlosen Bauen habe ich leider noch nicht bemerkt.

Natürlich suggeriert das Wort Einfriedung auch Frieden, der entsteht, wenn man sich abgrenzt. Trotzdem verwirrt mich oft die Vehemenz der Bauleute. Kaum steht der Rohbau, wird schon eingegrenzt, was sich Eigenheim nennt, und wenn es ein einer Gefangenenanstalt nicht unähnlich hoher Drahtzaun sein muss, wie kürzlich gesehen. Nicht, dass ich schon so viele Länder bereist hätte, aber hierzulande wird schon auffällig beharrlich begrenzt.

In Belgien, hat mir ein Bekannter erzählt, werden die Häuser ans hintere Ende des Grundstücks gebaut, damit vorne der Kontakt zu Nachbarn und vorbeikommenden Menschen leicht möglich ist, weil Privatsphäre im Inneren des Hauses genügt.  Der Anreiz des Neuen, des Unverhofften, des Überaschenden und des Unbekannten ist es doch, der meinen Alltag erfrischt und mein Denken aus dem gewohnten Rad holt.

Eine Gesellschaft braucht ihre Konzepte, ihre Regeln ihre äußere Form, wie sie ihr soziales Gefüge ordnet. Jedes Individuum braucht diese vorgegebenen Lebensweisen, denn dies gibt Sicherheit und Orientierung. Wir sind unbewusst froh darüber, genau zu wissen und auch im Äußeren vielmals erkennen zu können, wo meins endet und das des anderen beginnt. Im Äußeren. Würden wir es auch mit unserem Inneren, mit unserem Denken und unserer Weltanschauung gleichermaßen handhaben, gäbe es keine Entwicklung. Unser Gehirn verarbeitet von Augenblick zu Augenblick unzählige Eindrücke und formt daraus Gedanken. Wir denken beinahe ununterbrochen und das ist auch gut so. Ein gesunder Geist ist rege.

Das heißt aber noch lange nicht, dass er sich in der bloßen Aktivität auch entwickelt und neue Gedanken weiterdenkt. Denn der unruhige Kopf mit seinen vielen Erwartungen errichtet Mauern, in die wir uns selbst einsperren. Denken wir an die unzähligen Vorurteile, die wir fällen, wenn jemand mit einem Anliegen, einem Auftrag oder einer anderen Forderung auf uns zukommt. Unruhe, vorschnelle Bewertungen oder die Unfähigkeit aktiv zuzuhören begrenzt unsere Ideenfindung. Je starrer wir reagieren, je verfestigter unsere Routinen, desto dicker die Mauer.

Apropos Mauer – vor 30 Jahren ziemlich genau fiel die Berliner Mauer. Friedvoll und zutiefst bewegend ist mir dieses Ereignis in Erinnerung. Ost und West haben sich die Hand gereicht, wie dies auch eine interessante Kunstinstallation anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten veranschaulicht. In diesen 30 Jahren ist viel in Europa passiert. Die ehemals teilweise streng gezogenen Staatsgrenzen haben sich in ihrer Funktion mittlerweile beinahe aufgelöst. Manchmal findet man in österreichischen Grenzgebieten noch die Schilder „Achtung Staatsgrenze“, die mehr ein Relikt als eine tatsächliche Einschränkung darstellen.

Ohne der Bereitschaft der Nationen, einander zuzuhören und die eigenen Vorurteile und Ängste zu hinterfragen, hätte sich Europa niemals so weitreichend entwickelt. Uns es gibt weiterhin viel zu überdenken, zu reflektieren, sich anzuhören. Seien es die EU-Außengrenzen, an denen wieder vor Anbruch des Winters tausende Menschen auf der Flucht vor verschlossener Tür sitzen oder unsere eigenen Gartenzäune, die kein Gespräch mit dem Nachbar erlauben oder unsere inneren Einschränkungen. „Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschauen,…beginnt ein Gedicht von Christian Morgenstern.

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Die Autorin
Sandra Schwaiger

Inhaberin des Yogastudios innen.raum., Yogalehrerin und leidenschaftliche Denkerin über die großen Fragen des Lebens. Gemüsegärtnerin und Autodidaktin.

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