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KU 4 - Ob wohl Gras drüber wächst?

Ich leihe mir einleitend ein paar Worte aus Gerhard Filzwiesers Büchlein bzw einem Flyer, der sein unglaublich interessantes Unternehmensführungskonzept zusammenfasst und erklärt. Er beschreibt sein Team, seine Firma als lebendes System und lehnt sich an das System Natur, wenn er da niederschreibt, „Die Natur lehrt uns, dass wir den raschen Fortschritt nur mit der Rückbesinnung auf unsere Wurzeln meistern können. Die Natur floriert, weil sie viele Optionen schafft … sie sorgt für Artenvielfalt und lässt ständig Neues entstehen. Wenn sich die Bedingungen ändern, passt sich die Natur an….“

06.11.2019

Artenvielfalt, oder noch fachlicher ausgedrückt, Biodiversität, sind Begriffe, über die man heutzutage immer öfter stolpert. Fast täglich informiert uns ein Artikel über bedrohte Arten, den Rückgang oder sogar das Aussterben diverser Lebewesen. Einen interessanten Blickwinkel dazu hat mir der Schweizer Fotograf Stefan Hefele mit seinem Bildband „Geisterhäuser – verlassene Orte in den Alpen“ ermöglicht. Eine mit Farnen und Moosen verzierte alte Rezeption eines einstigen Hotels ist zu sehen, so wie auch ein Schwimmbad, in dessen Fliesenritzen Gräser und kleine Bäume wachsen. Die im Buch in Bildform festgehaltenen schon lange dem Gebrauch entzogenen Bauwerke, Häuser und Sportstätten in den Bergen verschwinden in ihrer Umgebung. Die Natur ist nicht fantasielos. Sie ist unglaublich kreativ, spontan und nutzt neue Bedingungen um Neues zu schaffen. Es gibt kaum einen Boden, der nicht langfristig von der Natur erobert wird, Samen keimen und ein neuer Lebensraum entsteht.

So passiert es auch, dass in einem einst viel zu groß und teuer angelegtem Fußballstadion plötzlich ein Wald steht. Das Klagenfurter Wörtherseestadion diente dieses Jahr für knappe 2 Monate einer der größten öffentlichen Kunstinstallationen Österreichs. Die rund 300 Bäume sind also nicht zufällig dort in kurzer Zeit 14m in die Höhe gewachsen, sondern der Künstler Klaus Littmann hat hier seine Kunstbotschaft an uns gerichtet. Noch am letzten Besuchertag habe ich mir einen Blick auf den im bunten Herbstlaub leuchtenden europäischen Mischwald gegönnt, der umrahmt vom hellgrünen, kurzgeschnittenen Fußballrasen von jedem der 30.000 Sitzplätzen aus betrachtet werden kann. Still war es im Stadion, in dem normalerweise gepfiffen und geschrien wird, in dem es um Sieg oder Niederlage geht. Gepfiffen wurde an diesem Tag auch, ein paar Vögel haben den herrlichen Sonnentag besungen und das Stadion eigentümlich beschallt.

Im weiteren Sinne ging es auch um Sieg oder Niederlage, möchte der Künstler mit diesem Mahnmal uns davor warnen, dass die Selbstverständlichkeit der Natur eines Tages nur noch in ihr speziell zugewiesenen Gefäßen zu bestaunen sein könnte, wie das bereits heute etwa mit Tieren im Zoo der Fall ist. Wir sollen uns herausgefordert fühlen unsere Wahrnehmung der Natur zu überdenken und den Blick auf die Zukunft der Mensch-Natur Beziehung zu schärfen.

Die Inspiration zu diesem Kunstprojekt kam für Littmann übrigens von einer Zeichnung des österreichischen Architekten und Malers Max Peintner aus dem Jahr 1970. In diesem Jahrzehnt beschäftigte man sich noch lange nicht mit saurem Regen, Artensterben oder Verbauung wertvoller Böden und doch skizzierte er bereits ein skurriles nicht ganz unrealistisches Zukunftsbild, darunter ein bewaldetes Fußballfeld inmitten eines Stadions, von dessen Rängen Besucher den Wald betrachten. „Wenn sich die Bedingungen ändern, passt sich die Natur an“ steht weiter oben im Text. Wenn sich die Bedingungen ändern, setzte sich der Mensch darüber hinweg.

Dieses Phänomen scheint im Sport sehr häufig und beliebt zu sein, denkt man an den Start des Schizirkus der heurigen Saison. Von weißen Schneebändern in der bunten Herbstlandschaft ist zu lesen oder auch von geplanten Gipfelabtragungen in Tirol. Seit Jahren wird in Katar an klimatisierten Fußballstadien für die nächste Weltmeisterschaft gebaut, wobei bereits hunderte junge Männer in der Hitze und den nicht eingehaltenen Ruhezeiten den Tod anstatt eine verbesserte Lebenssituation gefunden haben. Ob in diesem Wüstenstaat einmal Gras über diese Bauwerke wächst, mag man berechtigterweise bezweifeln.

Dass wir die Natur als Vorbild nehmen können gibt mir Hoffnung und es ist so betrachtet auch relativ einfach. Finden wir im eigenen System, im eigenen Denken keine Lösung, sollen wir uns eines anderen Systems bedienen, hat schon Einstein vorgeschlagen. Neue Handlungskonzepte betreffen nicht nur den Sport, das Bauwesen oder den Tourismus. Eine naturnahe Neuorganisation kann sogar ein ganzes Unternehmen beflügeln, wie uns Gerhard Filzwieser in seinem wunderbaren Vortrag bewiesen hat. Wir freuen uns auf sein Buch und lassen einstweilen ein bisschen Gras über so manche unfruchtbare Gedanken und Konzepte wachsen.

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Die Autorin
Sandra Schwaiger

Inhaberin des Yogastudios innen.raum., Yogalehrerin und leidenschaftliche Denkerin über die großen Fragen des Lebens. Gemüsegärtnerin und Autodidaktin.

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