M21 Blog
Sport & Kultur

KU 3 - Vergänglich, vergangen, erloschen

Machen Sie es sich gemütlich, am besten vorm Kaminfeuer und dann lade ich Sie ein, einzutauchen.
Wir wählen den Weg über den Seecorso. Wir flanieren entlang der frisch geschnittenen Hecken, die die hübschen kleinen Stege und Liegeflächen für die Gäste der dahinterliegenden schmucken Gästehäuser abgrenzen.

Die Badezeit ist Vergangenheit, die Häuser, Stege und Zufahrten sind für den Winter vorbereitet. Hinter den Fenstern ist kein Licht, an keinem der sommerlichen Unterkünfte. Wir steuern die Ortsmitte an und hoffen wie viele andere auch auf ein Tischchen in der Sonne. Cafes und Restaurants, deren Standort um diese Jahreszeit keine sonnigen Genussplätze bieten können, haben schon geschlossen. Noch tummeln sich Sonnenhungrige fast gierig durch die Tischreihen, ein dröhnender Porsche stört mein Gedankenfloss an den heutigen Morgen. Da war noch Nebel an der anderen Seite des Sees, ein Fotograf versuchte die im Nebel auftauchenden Fischer festzuhalten. In der Marina wurden viele Boote aus dem Wasser gehievt und die Stimmung war beschwingt. Die Bootsleute haben wahrscheinlich dem Sommer nachgelächelt.

 Ja, um diese Jahreszeit werden wir mit der Vergänglichkeit konfrontiert, das Leben zieht sich zurück. Weiter hinten im Tal bemerken wir, dass beinahe alle Gasthäuser geschlossen sind. Ein Letzter hat noch vielversprechend Licht in der Gaststube. „Es gibt nur mehr Toast und Suppe“ hören wir vom Dorfwirt, der sich aufgrund seines Status als Wirt im Dorf verpflichtet fühlt, um diese Jahreszeit doch noch Gäste zu empfangen. Still ist es hier geworden. Die kurvenreiche Strecke bewirkt auch in uns ein Entschleunigen und wir staunen über die Schönheit der aufsteigenden Nebelschwaden über dem Bach. Wir sind die einzigen Gäste hier im Haus, weil jetzt die tote Zeit ist, sagt die Inhaberin. Da fällt mir der Schriftzug einer meiner geschätzten Lehrer auf einem Plakat ein, der JOMO statt FOMO lautete. „Joy of Missing Out instead of Fear of Missing Out“ sollte es heißen. Gierig versuchen wir, alles was das Leben hergibt zu konsumieren, da wir ja nur einmal auf dieser Welt sind.

Dabei klammern wir aus, dass es keine Selbstverständlichkeit für den nächsten Tag gibt. Wir stolpern aus unserem Rad, wenn jemand Nahestehender überraschend aus dem Leben geht oder wir uns an Allerheiligen an den Familiengräbern säumen. Der Tod hat keinen Platz in unserer Spaßgesellschaft, auch wenn auf der Rückseite der Geburtsurkunde die Sterbeurkunde sein müsste. Ist es die Angst vor ihm, die uns antreibt, nichts auszulassen? In dieser Schnelligkeit bleibt keine Zeit, die Ernte zu genießen. Dabei ist die Ernte das, was unserer Lebendigkeit Sinn gibt und die Fülle sichtbar macht. Ja es ist die Fülle, die dem Leben Intensität gibt. Wegen ihr sind wir da und sie zu finden ist unsere Aufgabe. Eine Fülle, die keine Zahlen kennt, kein Gewinnen und Verlieren.          

Wir hätten auch stornieren und kurzerhand einen Flug in den Süden nehmen können, der Wetterbericht ist nämlich alles andere als vielversprechend. Und wir sind so dankbar für diese tote Zeit hier, die uns das erlaubt, wofür sonst keine Zeit bleibt. Bücher, Gespräche, schweigsames Wandern zwischen gelben Lerchen und weinroten Heidelbeerstauden, eine Flasche Rotwein und ein paar Kerzen in den alten Kastenstockfenster. Die tote Zeit entpuppt sich als Zeitfenster fürs Lebendige. Morgen werde ich noch weiter nachdenken, warum uns die Unendlichkeit mehr anzieht als uns unsere Endlichkeit einlädt zu reduzieren und zu entschleunigen. Schwimmend in einem Infinitypool, dem Schwimmbecken der Unendlichkeit. Ich hoffe, Ihr Kaminfeuer ist nicht erloschen. Legen Sie nach und schenken Sie sich noch Rotwein ins Glas.

Kommentare und Antworten

Login anmelden und Kommentare hinzufügen.
Sei der erste der kommentiert
Die Autorin
Sandra Schwaiger

Inhaberin des Yogastudios innen.raum., Yogalehrerin und leidenschaftliche Denkerin über die großen Fragen des Lebens. Gemüsegärtnerin und Autodidaktin.

Beitrag drucken
PDF Download
Vorteile als m21 Mitglied:
Movement 21 Blog:
Schmöker rein, oder mach es dir bequem und höre dir die Podcasts an. Hier gibt es wöchentlich Neues für dein persönliches Wachstum. Für deinen Perspektivenwechsel.
Diskutieren:
Du kannst dich einbringen, mit anderen Free Movern in einen niveauvollen Diskurs treten und dich vernetzen. Jeder Beitrag bietet die Möglichkeit zum Diskurs und zum Austausch eigener Erfahrungen.
Newsletter:
Aktuell und immer Interessant, widmet sich der Movement 21 Newsletter unmittelbaren Themen, die gerade unter den Fingernägel brennen.
Free Mover werden
Event Einladungen:
Ein spannendes Thema, mindestens zwei interessante Key Speaker und eine außergewöhnliche Location. Mindestens 6x im Jahr bist du dazu eingeladen.
Video Calls:
Videokonferenzen, schnell einberufen, zu einem aktuellen Diskussionsthema oder zu einer Problemlösung, oder ganz einfach zum Erfahrungsaustausch.
Wissensmatrix:
Du hast Zugang zu einer Wissensmatrix die detailierte Informationen aus verschiedensten Fachbereichen liefert.
Geschenk:
Einige Tage nach deiner Anmeldung wird dir ein Geschenk zugestellt, dass dir bei einer wichtigsten Dinge der Welt eine Hand freit hält.
First Mover werden
Firmenveranstaltungen:
Wir können auf Wunsch eine Veranstaltung in deinem Unternehmen organisieren. Bei diesem Event besteht die Chance viele Botschafter deines Unternehmens zu gewinnen.
Beratungsleistungen & Seminare:
Als Partnerbetrieb steht dir individuelle Beratungsleistung zur Verfügung. Du bekommst laufend Updates über die gesamten Möglichkeiten unseres Netzwerkes.
Kooperations- und Beteiligungsmöglichekiten:
Innerhalb der Movement 21 Community entstehen laufend neue Projekte und auch einige Firmengründungen wurden schon umgesetzt.
Mitgestaltung des Movement 21 Manifest:
In Abstimmung mit dir werden Absichten und Ziele definiert die künftig in unserer Gesellschaft massiv an Bedeutung gewinnen werden. Das Manifest wird als Leitfaden für einen wirtschaftlichen Erfolg dienen.
Partner werden
WEITERE ARTIKEL VON „M21 Blog“
M21 Blog
Sport & Kultur

Mind the Gap

Durch den Publikumserfolg „Bauer unser“ ist Robert Schabus vielleicht einigen bekannt. Mit etwas Verspätung ist mir sein neuestes Werk „Mind the Gap“ in die Hände gefallen. Mich hat dieser Film berührt und mir wieder einmal gezeigt, wie brüchig manchmal die eigenen Glaubenssätze sein können.
M21 Blog
Sport & Kultur

Kann Komik heilen?

„Hamster im hinteren Stromgebiet“ ist mein erstes, aber sicher nicht letztes Buch, das ich vom Erfolgsautor und vielfach preisgekrönten Schauspieler Joachim Meyerhoff gelesen habe. Ich widme diesem Buch einen Beitrag, weil ich einfach möglichst vielen Menschen diesen Lesegenuss ebenfalls wünsche.
M21 Blog
Sport & Kultur

Ein Corona-Tagebuch

Meine Mutter führt schon ihr ganzes Leben ein Tagebuch. Ich unterstelle euch die verschiedensten Assoziationen, wenn ihr das Wort Tagebuch hört, und ich unterstelle ebenfalls, dass keine davon annähernd den Stil meiner Mutter trifft. Es ist nämlich eher strukturiert - wie ein Protokoll.
M21 Blog
Sport & Kultur

Eine Mehlspeiskultur

Was ist eigentlich die österreichische Mehlspeiskultur? Auf diese Frage gibt es zweifellos eine Vielzahl von Antworten und Interpretationen. Aber was die wenigsten wissen: Die österreichische Mehlspeiskultur ist eine von der UNESCO ausgezeichnete Initiative zur Sichtbarmachung des immateriellen Kulturerbes im 21. Jahrhundert. Kopf und Herz dieser Initiative ist Alfred Fiedler, Unternehmer, Agenturinhaber und First Mover, der für dieses Thema brennt.
MOVEMENT 21 jetzt auch als App
Alle Podcasts gibt es jetzt für unterwegs mit offline-Verfügbarkeit