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KU 10 - Unvollkommen schön

Ich beginne mit einer etwas spitz formulierten Frage – Haben Sie Lust, jederzeit und permanent mit jedem Dahergelaufenen zu kommunizieren? Lieber sprechen wir doch mit guten Freunden.

17.12.2019

Es heißt, nicht nur mit den Menschen, die uns begegnen oder mit denen wir zusammenleben, sind wir mehr oder weniger im Austausch – verbal und nonverbal, sondern auch mit den Dingen unseres Alltags. Wir kommunizieren mit unseren Möbeln, Gegenständen, mit unserem Kleiderkasten, dem Schreibtisch, der Bestecklade, bzw sie mit uns. Wer will da schon mit Unnötigem einen Dialog führen?

Wir haben so viel Zeugs und noch dazu so viel Unschönes und Unbrauchbares. Ein amerikanischer Sozialarbeiter ist damit berühmt geworden, weil er gemeint hat, dass im Menschen ein ästhetisches Grundbedürfnis existiert. Daraufhin hat er die Bediensteten in den Küchen für Wohnungslose und in Gefängnissen angeregt, die Speisen auf den Tellern schön und ansprechend anzurichten. Er meint, eine schöne Umgebung inspiriert dazu, das Leben ganzheitlicher zu gestalten und intensiver wahrzunehmen, wie kostbar die Welt und all die Mitmenschen sind.

Die Schönheit von Kunst und Natur erinnert uns an die innere Harmonie und an die Pracht, die sich in der Existenz jedes Menschen manifestieren. Und da taucht in mir das noch in Erinnerung ruhende Gefühl bei meiner Ankunft in Wien auf. Mir fielen sofort die vielen schön gekleideten Menschen auf und in mir machte sich gleichzeitig Entspannung breit. Zu Fuß unterwegs sprachen die monumentalen, ausdruckstarken und an Schönheit kaum zu überbietenden Gebäude der Innenstadt zu mir. Wien ist eine schöne Stadt! Und es tut gut in ihr zu sein und ihre Pracht aufzusaugen. Wieder einmal in einer Kunstausstellung in die Welt eines Surrealisten einzutauchen und das Schöne wirken zu lassen.

Schönheit hat offensichtlich eine weitreichende psychologische Wirkung. Darüber haben sich schon sehr früh die Zen-Meister Japans Gedanken gemacht. Sie wollten wissen, was im Betrachter vor sich geht, auch abseits der internen Stimmigkeit eines Designs. Die Zen-Künstler schrieben dem Betrachter eine aktive Rolle zu, sodass er von einem Gegenstand oder Bild nicht eingeschläfert wird. Einheitlichkeit oder Symmetrie beschrieben sie als verderblich für die Frische der Phantasie, da beide eine Perfektion und Ordnung suggerieren, die es so in der realen Welt nicht gibt.

Die Zen-Ästhetik bevorzugt also etwas für unsere Augen Unfertiges, oder anregender ausgedrückt – Offenes. Einfache Schlichtheit und Asymmetrien sind ihre Grundprinzipien, mit denen sie auch moralische Appelle an uns richten, uns von Unnötigem zu befreien und uns auf das Eigentliche zu konzentrieren. Wenn ich an die sogenannten eigentlichen Dinge in meinem Alltag denke, dann sind das meist liebgewordene Gegenstände, die durch ihre Nutzung schöner geworden sind. Meine Lederstiefel aus Berlin, die jeden Winter schöner aus dem Regal lachen, mein Kirschholztisch, der Spuren von Lebendigkeit aufweist, oder mein Lieblingsbleistift, der abgegriffen und leider immer kürzer werdend meine Notizen festhält, der schlichte Kerzenständer meiner Großmutter spricht durch seine Einfachheit zu mir und vermittelt eine angenehme Konsumdistanz. Das Universum der Zen-Kunst ist unspektakulär, es soll Stille, innere Ruhe und Ausgeglichenheit in uns erzeugen.

Wie angenehm muss es sein, wenn uns beim morgendlichen Blick in den Kleiderkasten kein Berg Altkleider begegnet, sondern das Hemd, das Kleid, das ich liebe, ohne mühseliges Suchen bereit liegt. Dafür braucht es keinen zwanghaften Ordnungssinn und leer geräumte Wohnräume, wie oft die japanische Schlichtheit missverstanden wird. Eine aufgeräumte Küche lädt zum Kochen ein, eine gute Werkstatt zeichnet eine wohlgeordnete Ansammlung aller Werkzeuge aus. Dies lernen Lehrlinge im ersten Ausbildungsjahr. Aufräumen schafft einen Überblick über das, was überhaupt vorhanden ist, es ordnet und pflegt die Dinge selbst. Was wir besitzen, sollte nützlich oder schön sein, oder beides.

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Die Autorin
Sandra Schwaiger

Inhaberin des Yogastudios innen.raum., Yogalehrerin und leidenschaftliche Denkerin über die großen Fragen des Lebens. Gemüsegärtnerin und Autodidaktin.

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