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Heim. at

von Sandra Schwaiger

Reinhard Fendrich, Andreas Gabalier oder Hubert von Goisern? Wem gelingt die Vermittlung des treffendsten Heimatverständnisses? An dieser Stelle sei gedankt, dass sich Heimat nicht über den Grandprix der Volksmusik definiert, zumindest hoffentlich nicht ausschließlich. Heimat als Begriff regt die Fantasie oft mehr an, als es die Realität bestimmen kann.

Bleiben wir noch bei Reinhard Fendrichs österreichischer Ersatzhymne „I am from Austria“. Eine der möglicherweise bestignoriertesten Verszeilen der Popgeschichte lautet nämlich in diesem Liedchen „I kenn di Leit. I kenn die Ratten. Die Dummheit, die zum Himmel schreit.“ Liedermacher Fendrich hat 1989 also keine Patriotenhymne verfasst, sondern ein kritisches Statement zur damaligen Waldheim-Zeit abgegeben. Künstlerpech als Glücksfall.

Je nachdem, wer den schnell hochemotional aufgeladenen Begriff Heimat in den Mund nimmt und wie hoch das Reflexionsniveau der Zuhörer ausfällt, schlägt man damit Wogen, wenn auch manchmal diffuse. Im post-covidschen Zeitgeschehen schweben wir global und binnenstaatlich im heimatlichen Grau. Gerade noch war es wunderbar, ein Europäer zu sein, zumindest in Ischgl oder Mallorca. Jetzt ist mal Schluss mit Strohhalm teilen und den Kübel weiterreichen, es wird Urlaub innerhalb der Staatsgrenze gemacht, die, so denke ich, noch mit Sturmgewehr und Fiebermesser überwacht wird.

Gerade noch waren wir stolz auf die europäische Grenzenlosigkeit und jetteten mit dem Billigflugticket in die südlichen, Sonne versprechenden Urlaubsdestinationen. Und nun zeigen wir mit dem Finger auf die Staaten, die es mit dem Gesundheitssystem nicht so hinbekommen haben wie wir. Das Heimatgefühl zieht sich zurück in das gitarrenförmige Land, zerfurcht von Bergen und Tälern, Seen und Wiesen und etwas orientierungslosen Köpfen.

Wie ist das nun mit der neuen Definition von Heimat? Banken und die eine oder andere Supermarktkette hilft uns mit großen Plakatwänden in unserer großen heimischen Unsicherheit weiter, indem sie mit rot-weiß-roten Herzen oder Lettern versuchen, uns unsere Zugehörigkeit zu erklären und dass wir das gemeinsam alles ganz bestimmt wieder auf die Beine stellen werden. Kurz könnte man tatsächlich vergessen, dass die Bank ums Eck nichts mit den transnationalen Finanzmärkten zu tun hat und Supermärkte keine Töchter und Söhne der internationalen Konzerne sind.

Nicht, dass wir auf globales Wirtschaften verzichten sollen, wie käme sonst das Zimt in unseren Apfelstrudel. Ein vernünftiges Sowohl als Auch würde Vieles in eine gute und nachhaltige Balance bringen und das, was wir als „regionale Wirtschaft fördern“ bezeichnen, tatsächlich in Schwung bringen. So mancher Schuhhändler hat möglicherweise in der Zeit des Lockdowns feststellen müssen, dass er aufgrund des Lieferstopps aus Asien auf keine heimische Schuhproduktionsfirma ausweichen kann. Eine zahlenmäßige Gegenüberstellung von heimisch und asiatisch produziertem Schuhwerk würde uns sprachlos aussehen lassen. Der eigene Schuhkasten veranschaulicht diese Zahl ziemlich treffsicher.

Abseits von Schuh, Zimt und Rindfleisch denke ich weiter über den Begriff Heimat nach. Mit einer noch schnell während der Anreise nach Kroatien online ausgefüllten Reiseankündigung, um die Einreise unbürokratisch abzuwickeln, bin ich hier wieder einmal angekommen. Erfüllt vom wohl bekannten süßlichen Duft der Feigenbäume, der Backofen ähnlichen Wärme zwischen den wohlriechenden Pinien und die seelenberuhigende Langsamkeit des Kellners im charmanten Hafencafe vermitteln mir heimatliche Gefühle.

Heimat hat also nichts mit nationalen Grenzen, sondern eher mit einer Liebes – und Glückserfahrung zu tun. „Heimat ist dort, wo ich mich nicht erklären muss“ lautet die viel zitierte Definition von Gottfried Herder. Ich muss um nichts fragen, ich muss nicht einmal sprechen. Ich kann von einem wortlosen Verstehen ausgehen, von einem Einverständnis jenseits der Konflikte. Mit diesen Worten erklärt Rainer Gross, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherpeut, Herders Zitat noch näher. Treue und Zugehörigkeit bekommen für mich dadurch eine neue Bedeutung. Weder die Volksmusik noch die Politik sollten uns also zum vorschnellen Abbruch der Denkbewegungen verlocken.

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Die Autorin
Sandra Schwaiger

Inhaberin des Yogastudios innen.raum., Yogalehrerin und leidenschaftliche Denkerin über die großen Fragen des Lebens. Gemüsegärtnerin und Autodidaktin.

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