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Sport & Kultur

Erst mal eine Stunde aufs Rad

von Gerhard Hinterkörner

Kürzlich habe ich einem von einem Psychologen verfassten Bericht gelesen, dass er empfiehlt, sich vor einer Paartherapie erstmal eine Stunde auf sein Rad zu schwingen. Ich weiß genau was er meint! Wie oft war ich schon deprimiert, oder aufgewühlt, auf die ganze Welt stinksauer, oder noch schlimmeres. Eine schöne Runde auf dem Rad und schon sieht vieles nicht mehr ganz so schlimm aus.

Corona scheint insbesondere den Fahrradsport extrem zu beleben. Vom Geschäftsführer von Intersport war kürzlich das Zitat zu lesen: „Das Bike sei das Klopapier der Sportbranche“. Offensichtlich haben im heurigen Frühjahr viele das Fahrrad nicht nur als Sportgerät entdeckt, sondern auch als Mobilitätsmittel.

Ich möchte hier noch ein wenig Öl ins Feuer gießen.

Superspreader in New York - das weiß man mittlerweile gesichert – waren die schlecht belüfteten Metro Stationen. Dem entkommt man sehr leicht, wenn man oben mit seinem Drahtesel unterwegs ist. Jetzt werden Sie sagen: ja, aber wir leben ja nicht in New York, sondern möglicherweise am Land, und ich muss jeden Tag nach Linz. Allein die zeitliche Komponente! Ich bin vorige Woche am kürzesten Weg mit dem Fahrrad nach Linz gefahren und hatte dabei ein schönes Erlebnis: von Schwertberg nach Linz sind es ungefähr 30 Kilometer. Nach zwei Kilometer (in Niederzirking) überholte ich an einer Bushaltestelle den Linienbus, kurz vor Mauthausen hatte er mich wieder eingeholt, kurz nach dem Ort überholte ich ihn wieder, in St. Georgen er mich wieder (da haben wir uns im Übrigen das erste mal zugenickt). Sie ahnen schon wie es weitergeht. In Steyregg, dem letzten Ort vor Linz, habe ich ihn dann aus den Augen verloren, ich vermute, weil er gerade aus Richtung Dornach fuhr, und ich über die Steyreggerbrücke nach Linz. Ich möchte noch erwähnen: Ich hatte die ganze Zeit starken Gegenwind und war gemütlich unterwegs, weil ich nicht verschwitzt zu meinem Termin kommen wollte.

Eines ist klar: auch ich will nicht jeden Tag nach Linz und wieder zurück mit dem Rad fahren. Aber gelegentlich ist das eine wunderschöne Alternative, die die Laune bedeutend hebt.

Die Laune verschlechtern hingegen aggressive Autofahrer, die mindestens ein Feindbild haben, nämlich Rennradfahrer, die auf der Straße fahren. Es ist das jene Spezies, die auch regelmäßig auf diversen Social Media Kanälen kundtut, die Rennradfahrer sollen schauen, dass sie auf den Radweg kommen. Natürlich nicht so freundlich formuliert, sondern mit allen Verwünschungen unterstützt, bis hin zur Extremvariante. Diesem tödlichen Unfallswunsch fühlt man sich dann auch sehr nahe, wenn man die Autos fast schon am linken Knie spürt, wenn sie mit 120 km/h an einem vorbeirasen.

Ich bin sicher, wenn sich die Community der Radfahrer vergrößert, sprechen sich mehrere Tatsachen schneller herum. Eine davon ist, dass man auf einem völlig verdreckten, ungepflegten, noch nie vom Rollsplit gesäuberten Radweg mit einem Rennrad nicht fahren kann. Es stimmt, es gibt Gemeinden oder Städte, in denen sind in den letzten Jahren viele neue Radwege entstanden. Wenn man z.B. über Enns, Asten und Pichling nach Linz fährt ist rechts ein wunderbarer, breiter und mit schönem Abstand zur Straße errichteter Radweg. Mit einem Nachteil: da ist noch nie eine Kehrmaschine gefahren. Über die Steine die dort liegen kann man auch mit anderen Fahrrädern nur sehr langsam und mit großer Sturzgefahr fahren. Diese Strecke meide ich mittlerweile, weil ich dort schon Autofahrer erlebt habe, von denen ich fürchten musste, sie erleiden einen Herzinfarkt, so haben sie sich über die von mir erzwungene kurze Abbremsung aufregen müssen.

Ich bin sicher, wenn einer dieser Choleriker jetzt entscheidet, sich ein Rad zu kaufen und er selber mal in die Lage kommt, von seinesgleichen beschimpft oder gar bedroht zu werden, wird sich sein Verhalten künftig ändern. Ein Wissender mehr, einer mehr der es weitererzählt, wie viel Spaß ihm die Bewegung macht, einer mehr der die Wirtschaft ankurbelt weil er neben dem Fahrrad auch bald eine kleinere Garderobe braucht. Einer mehr, der sich jetzt über eine gesündere Ernährung Gedanken macht, weil die tägliche Leberkässemmel nicht mehr kompatibel mit der nahenden Trainingseinheit auf dem Rad ist, und nicht zuletzt, einer mehr, der einfach freundlicher und netter zu seiner Partnerin ist. Und sich die Paartherapie völlig spart.

Der Autor
Gerhard Hinterkörner

Unternehmer aus Leidenschaft, Familienvater, Hobbysportler und Genussmensch!

g.hinterkoerner@movement21.at