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Dein Leben ohne dich

von Gerhard Hinterkörner

Stell dir vor, du siehst dir dein Leben „ohne dich“ aus einer gewissen Distanz an! Diese spannende Idee wurde 2016 in dem sehr empfehlenswerten Film Wakefield umgesetzt. Mit Bryan Cranston – viele kennen ihn als Walter White in Breaking Bad – ist dieser Film hochklassig besetzt. In diesem Film spielt er den erfolgreichen Anwalt Howard Wakefield, der seines Lebens überdrüssig ist. Er möchte es einfach einmal anhalten. 2016 war dieses „herunterfahren“ noch eine reine Fiktion und höchstens als ein phantasievolles Gedankenprojekt vorstellbar.

Howard beschließt also eines Abends, sich auf dem Dachboden seiner Garage, von wo aus er seiner Frau und seinen beiden Töchtern täglich beim Leben zuschaut, häuslich einzurichten. Für alle, die ich vielleicht auf diesen Film neugierig mache, möchte ich jetzt nicht zu viel verraten. Nur so viel, Howard zieht dies über viele Monate durch und beginnt zu erkennen, dass es vielleicht gar nicht mehr möglich ist, in sein altes Leben zurückzukehren.

Also durchaus schon wieder eine ganz starke Parallele zu unserer jetzigen Situation. Wir haben einige Wochen gelernt, wie ein in vielen Bereichen ein reduziertes Leben funktionieren kann, welche Schwierigkeiten und Herausforderungen es mit sich bringt, aber auch welche ungeahnten Möglichkeiten und Chancen es bietet. Der Ansatz dieses Films geht jedoch viel weiter. Ich finde den Gedanken aus seinem Leben herauszutreten und es aus dieser Perspektive zu beobachten als äußerst faszinierend. Ich denke, man braucht sich dabei nicht auf dem Dachboden zu verschanzen, es genügt wahrscheinlich schon, sich etwas zurückzunehmen. Wie würde das Abendessen der Familie ablaufen, wenn ich nicht dabei wäre? Wie das Frühstück? Wie würden die täglichen Besorgungen aussehen? Wie würde sich das Verhalten meiner Familie ändern?

In einem Schlüsselmoment dieses Filmes hat Howard eine tief traurige Erkenntnis: seine Familie ist zweifelsohne glücklicher ohne ihn!

Würden wir auch so eine Erkenntnis gewinnen? Wie stark beeinflussen wir Glück und Zufriedenheit in unserer Familie? Was wäre plötzlich möglich ohne uns? Natürlich können wir diesen Gedanken auf unser gesamtes soziales Umfeld erweitern. Wie würde es in der Firma laufen ohne uns?

Für mich ist dieses Gedankenexperiment insofern so spannend, weil es uns im Umkehrschluss die Möglichkeit eröffnet, die Dinge oder unser Verhalten zu überdenken. Wenn es uns dabei so ergeht wie Howard, wie könnte ich mein Leben ändern, um meine Familie glücklicher zu machen? Manchmal genügt es ja schon, sich eine Spur weniger einzubringen. Jeder hat sicher schon einmal Erfahrung mit Alphatieren gemacht, die jedes Gespräch, jede Diskussion oder Meeting sofort mit ihrer Ansicht oder Meinung reduzieren. Man stelle sich nur vor, was alles möglich wäre, wenn so jemand einmal auf das Potenzial in der Runde blickt und dieses sich entfalten lässt.

Darüber hinaus hat mir dieser Film auch wieder die unglaubliche Bedeutung von Kunst und Kultur vor Augen geführt. Allein schon ein einzelner Film kann uns die wunderbarsten Erkenntnisse und Perspektiven eröffnen, es hätte also vier Jahre später diesen Virus gar nicht gebraucht!

Der Autor
Gerhard Hinterkörner

Unternehmer aus Leidenschaft, Familienvater, Hobbysportler und Genussmensch!

g.hinterkoerner@movement21.at