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Christiane Spiel: "Zukunfts-perspektiven unserer Jugendlichen"

Frau Prof. DDr. Christiane Spiel gibt uns in diesem Interview einen sehr interessanten aber auch ernüchternden Blick auf den Seelenzustand unserer Kinder und Jugendlichen. Einmal mehr wurde mir durch dieses Gespräch bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass unsere Kinder relativ gut mit der Lernsituation im vergangenen Jahr zurecht gekommen sind.

Leider dürften wir dabei nicht repräsentativ sein, denn vielen Jugendlichen wurde eigentlich alles genommen, was ihnen Freude bereitet. Speziell die Älteren kommen damit nur ganz schwer zurecht. Wen wundert es auch? Versetzen wir uns in die Perspektive eines Jugendlichen, der gerade dabei ist, sich seine Gedanken über die Welt zu machen. Welche Zukunftsperspektive ist für diesen erkennbar, wenn die Botschaft heißt: Pandemie und damit einhergehendes Homeschooling bis zum Sanktnimmerleinstag, danach können wir uns dem noch viel größeren Problem des Klimawandels widmen. Und das alles vor einem riesigen Berg Schulden, von dem niemand so richtig weiß, wie er jemals abgebaut werden könnte.

Das sind wohl kaum die richtigen Perspektiven, die junge Menschen auf dem Sprung in ein selbstbewusstes und sinnerfülltes Leben mittragen sollten. Welche Verantwortung wir dabei als Gesellschaft haben und über vieles mehr spricht unsere Christine Haiden mit Frau Spiel.

Auf Grund von technischen Problemen können wir dieses Interview ausnahmsweise nicht in Bild und Ton anbieten sondern stellen euch die Inhalte hier als Text zur Verfügung.

Es lohnt sich wirklich, dieses interessante Interview zu lesen.

Gerhard Hinterkörner
First Mover

 


 

Christine Haiden:
Wie machen wir jetzt weiter? Gespräche mit Menschen die Zukunft denken – ein gemeinsames Projekt der Zeitschrift „Welt der Frauen“ und der Plattform Movement 21.

Schön, dass Sie wieder dabei sind. Wir haben heute ein Thema, das - glaube ich - Viele beschäftigt, weil es uns ziemlich durcheinandergewirbelt hat. Alle Lernenden und alle Lehrenden sind seit März des vergangenen Jahres in einer ganz speziellen Ausnahmesituation. Ich habe heute die Bildungsforscherin Professorin Doktorin Christiane Spiel bei mir zu Gast. Sie ist aus Wien zugeschaltet. Herzlich Willkommen Frau Professorin!

Sie haben diese COVID-Krise von Anfang an praktisch genützt: als ein großes Labor, das sich da aufgemacht hat und die Situation der Lehrenden und der Lernenden mit einer Studie begleitet. Jetzt haben wir fast ein Jahr Pandemie durch. Wie lange werden denn die Menschen in diesem System und unter diesen Bedingungen das Lernen überhaupt noch durchhalten? Was sind Ihre Ergebnisse bisher?

Prof. DDr. Christiane Spiel:
Insgesamt haben wir bei Schülerinnen und Schülern vier Erhebungen gemacht. Die letzte im zweiten Lockdown, also relativ knapp vor Weihnachten. Da zeigen die Ergebnisse, und zwar insbesondere bei den Schülerinnen und Schülern, die schon älter – also in den Oberstufen - sind, dass es denen schon sehr, sehr schlecht geht. Diese sind natürlich schon länger im Lockdown. Sie waren schon länger im Distance Learning. Vor dem Sommer, aber auch jetzt haben sie bereits seit 3. November Distance Learning. Momentan scheint es jetzt so, als ob das Ende gar nicht abzusehen wäre. Denen geht es wirklich schlechter als jüngeren Kindern, obwohl man sagen würde „Na ja, die können ja viel besser selbständig arbeiten, selbständig lernen und daher müsste es für sie leichter sein“. Aber alle, die das annehmen, vergessen, dass das Jugendalter ja eigentlich eine Phase ist, wo man sich etwas mehr von den Eltern löst, autonomer wird. Dadurch bekommen die Freundinnen und Freunde eine ganz andere Bedeutung und sind ganz wichtig. Man schmiedet Pläne für die Zukunft, man hat die Überlegung: „Was ist meine Identität, wer will ich eigentlich sein?“ und möchte aus diesem Grund sehr viel erproben. Ob es Reisen sind, oder Überlegungen wie „Was werde ich studieren?“ Für diese Schüler ist es aber so, dass alles das, was ihnen jetzt eigentlich Freude machen würde, was für sie auch wichtig wäre in dieser Lebensphase, nicht mehr möglich ist. Sie sind zu Hause, sie können ihre FreundInnen nicht treffen. Und die Pläne für die Zukunft schauen vielleicht auch nicht so rosig aus.

Christine Haiden:
Also ist es weniger ein Problem der Art des Lernens - also dieses Distance Learnings - sondern ist es mehr das Gesamtpaket sozusagen, diese soziale Einschränkung, die sich mit der Form des Unterrichts verbindet?

Prof. DDr. Christiane Spiel:
Es ist sicherlich beides, aber das Soziale spielt eine ganz, ganz starke Rolle. Wenn wir jetzt noch bei diesen Schülergruppen bleiben, also bei den Jüngeren und den Älteren, dann sind jüngere Schülerinnen und Schüler natürlich mehr noch in die Familie eingebunden. Sie sind noch mehr in der Familie, werden von den Eltern mehr umsorgt und für die sind auch die Freundinnen und Freunde nicht so wichtig, wie für die Älteren, die ja sozusagen durch diese Altersphase normalerweise viel mehr unterwegs sind und viel unternehmen. Daher fällt es denen weniger schwer. Wir haben sie zum Beispiel gefragt: „Wie geht es euch? Wie fühlt ihr euch?“, und dann kommt heraus, dass sich die Jüngeren wesentlich häufiger wohl fühlen als die Älteren. Was einen besonders großen Unterschied macht ist die Lernfreude, das heißt die Bereitschaft etwas zu lernen. Die älteren Schülerinnen und Schüler wenden wirklich sehr viel Zeit für die Schule auf. Mehr als 60 % arbeiten mehr als acht Stunden pro Tag für die Schule und das ist schon wirklich ziemlich viel. Aber sie geben gleichzeitig an, dass es ihnen ganz schwer fällt, die Motivation aufrecht zu halten, sich zu aktivieren, dass sie sich überfordert fühlen, dass es ihnen also wirklich einfach schlecht geht. Und ich glaube, das haben wir wahrscheinlich zu wenig berücksichtigt, so nach dem Motto: Sie können natürlich das Lernen, es geht ihnen wahrscheinlich besser mit dem Distance Learning als vielleicht den Jüngeren. Aber wir haben das Soziale wahrscheinlich zu wenig berücksichtigt.

Christine Haiden:
Aber jetzt haben wir allen Prognosen, die sich gerade auftun, zufolge noch mehrere Wochen, wenn nicht Monate, in denen es so weiter gehen wird. Wie kann man jetzt aus ihrer Sicht intervenieren, um diese Situation zu verbessern?

Prof. DDr. Christiane Spiel:
Ich glaube, dass das gar nicht so einfach ist, muss ich ehrlich sagen. Dazu vielleicht noch eine kleine Ergänzung: in dem Alter macht man sich natürlich auch Gedanken über die Welt, darüber, was die Welt und vor allem meinen Alltag und meine Ziele ausmacht. Wenn wir jetzt an die Jungen denken, die sind für „Fridays for Future“ auf die Straße gegangen, weil ihnen bewusst wurde, dass der Klimawandel ihre Zukunft bestimmen wird, weil sie den Eindruck hatten, dass die Politik zu wenig tut. Jetzt kommt die Pandemie und was noch dazu kommt ist ein wahrscheinlicher Schuldenberg, wenn die Pandemie zu Ende gegangen ist. Sie können sich natürlich ausmalen, dass sie sicherlich auch diejenigen sein werden, die viel daran teilhaben, dass dieser Schuldenberg abgearbeitet wird. Das heißt die Zukunft schaut für sie, im Gegensatz zu früheren Generationen, wirklich nicht sehr rosig aus.

Was können wir tun?
Vielleicht noch ein Satz zum Distance Learning selbst: im Mittel haben die SchülerInnen angegeben, dass es ihnen deutlich besser geht als im ersten Lockdown. Dort war noch am Anfang die Verzweiflung über: „Wie strukturiere ich meinen Tag?“, „Wie strukturiere ich mein Lernen?“, „Wie ist es, wenn ich meinen Lehrer, meine Lehrerin nicht sofort erreichen kann, ich kenn mich nicht aus, kann aber nicht nachfragen?“. Das waren alles Dinge, die im ersten Lockdown die Schülerinnen und Schüler und natürlich auch die Jüngeren sehr stark beschäftigt haben. Aber ich glaube, über die Zeit haben beide Gruppen, also die Lehrerinnen und Lehrer aber auch die Schülerinnen und Schüler dazugelernt. Das heißt, die LehrerInnen und SchülerInnen haben jetzt mehr Erfahrung mit dem Distance Learning und wie sie mit Plattformen umgehen oder wie sie ihren Tag strukturieren. Ganz spannend ist zum Beispiel, dass wir sie vor dem Sommer bei unserer letzten Erhebung gefragt haben: „Wenn ihr jetzt an die Zeit des Lockdowns zurückdenkt, also an das Distance Learning, was nehmt ihr am meisten mit daraus?“, da haben sie gesagt, wie wichtig die Selbstorganisation ist, wie wichtig es ist, dass ich mein Lernen und meinen Tag strukturieren kann. Das heißt, das ist ihnen bewusst geworden und sie haben auch angegeben, dass es ihnen deutlich besser gelingt.

Christine Haiden:
Also wir waren gerade bei der Frage: Kann man irgendwo intervenieren, kann man dieses Soziale in irgendeiner Form ergänzen, auf eine andere Form einbringen? Sollte man dieses schon Gelernte jetzt auch des Distance Learnings, des Nutzens von Sozialen Medien stärker auch sozial konnotieren also auch aktiv von der Schule her? Dass man tatsächlich auch irgendwelche Events online veranstaltet, um den Jungen das Gefühl zu geben: da gibt es auch noch etwas anderes, als Lernen über diese Medien?

Prof. DDr. Christiane Spiel:
Also sie sind sicherlich - das geben die Oberstufenschüler auch an - sehr viel über Videokonferenzen und dergleichen mit ihren KlassenkameradInnen und mit Lehrpersonen verbunden. Aber gleichzeitig sagen sie natürlich auch, dass das furchtbar anstrengend ist. Manche haben sechs bis sieben Stunden wie Unterrichtsstunden vor dem Bildschirm - also sozusagen eine Einheit nach der anderen. Wer das als Erwachsener selbst macht, weiß: das ist wirklich unheimlich anstrengend und dann haben sie noch Aufgaben. Das heißt, man müsste sich wirklich andere Modelle überlegen. Nicht dieses: wir haben hier jetzt einen Bildschirm, da sind viele Gesichter oder zumindest viele Namen und ich sitze dauernd davor, muss mich konzentrieren bzw. selbst etwas präsentieren und dann noch alleine arbeiten. Ich sehe es als wirklich ziemlich schwierig, hier etwas Gutes zu machen, weil man ja genau das, was den SchülerInnen am meisten fehlt nicht ersetzen kann. Was am meisten fehlt ist, dass ich wirklich live mit denen zusammen bin, dass ich ausgehe, dass ich Reisen mache, dass ich viele Aktivitäten mache, eben auch um mich und meine Grenzen zu erproben, und alles das ist nicht möglich. Aber Sie haben Recht, man müsste versuchen zu überlegen: wie kann man auch Events hier einbauen und wie kann man das durch die Schule, durch Lehrpersonen unterstützen. Das Schlimme ist halt, dass sie, zumindest geben sie das selbst an, so verzweifelt sind, dass sie das Ende nicht sehen. Wenn wir ehrlich sind, jetzt mit der Mutation, kann man auch hier keine verbindlichen Aussagen machen – das macht das Ganze ja so schwierig. Und wenn man dann so Medienberichte hört, dass es auch mit dem Impfen nicht so rasch weitergeht und alles das, dann sind das alles weitere Informationen, die zu ihrer Verzweiflung oder zur Steigerung dieser noch beitragen.

Christine Haiden:
Sie sind Bildungspsychologin, das heißt, sie versuchen, diese beiden Komponenten zusammen zu sehen. Jetzt haben sie gerade angesprochen, dass die Situation nicht einfacher werden wird, für alle die im System lernen, also beisammen sind. Wie sollte man dieses Schuljahr überhaupt bewerten? Wird sich das jetzt auf den Lernerfolg, darauf was man überhaupt lernen kann, auch auswirken? Sollte man da einfach sozusagen ein Nulljahr ausrufen und sagen wir, sparen wir uns heuer die Bewertung oder nehmen diese einfach nicht so ernst? Was ist da aus psychologischer Sicht eigentlich sinnvoll?

Prof. DDr. Christiane Spiel:
Also ich bin da völlig dagegen. Der Grund ist eigentlich klar: auf der einen Seite arbeiten sie ganz viel. Stellen Sie sich junge Menschen vor, die in einer schwierigen Situation sind, auch wenn es den Jüngeren besser geht, ist trotzdem die Situation für sie sehr schwierig und natürlich auch für die Eltern – auch das sollten wir nicht vergessen. Aber auch die Jüngeren arbeiten sehr viel, denn im Mittel arbeiten alle über sieben Stunden pro Tag. Wenn wir uns das überlegen, muss doch klar sein, dass wir dann – ich arbeite viel, es geht mir schlecht - und dann sagt man noch jetzt soll es nicht benotet und bewertet werden. Ich kann nur sagen, ich wäre total verzweifelt und deprimiert und hätte das Gefühl: warum strenge ich mich hier so an wenn dann gesagt wird: „Na ja es reicht ohnehin nicht!“? Ich glaube, man muss gut überlegen, was sie in diesem Jahr gelernt haben. Denn alleine, dass sie gelernt haben, Lernen selbst zu organisieren, zu strukturieren und das unter schwierigen Bedingungen, ist etwas, das sie für ihr späteres Leben sehr, sehr oft brauchen werden. Junge Menschen werden sich wahrscheinlich auch umschulen müssen, Zusatzausbildungen machen usw. Wenn ich aber weiß, wie ich mein Lernen strukturiere und wenn ich auch schon weiß, ich habe es geschafft. Dann werde ich auch viel mutiger, selbstbewusster in so eine Lernsituation hinein gehen. Dann habe ich etwas Wichtiges für mein späteres Leben erworben und gelernt. Also das heißt, das sollte man auch mehr bewerten.

Wie bei Leistungen in der Schule muss man auch überlegen, wenn man sich den Lehrplan anschaut  - und wir haben in Österreich ohnehin Maximallehrpläne - „Was ist wirklich das Wichtigste und was kann ich vielleicht auch exemplarisch lernen?“ Ich glaube ja, dass es gerade jetzt, in so einer Situation wichtig ist, dass man Aufgaben gibt, die an die Interessen der Schülerinnen und Schüler anknüpfen, um eben ihre Lernmotivation zu fördern. Ich finde ein schönes Beispiel - das habe ich schon öfter gesagt, weil es eigentlich immer gut war und ich glaube jeder kann es sich gut vorstellen - ist Biologie. Wenn Kinder in der Schule etwas über Tiere lernen, kann man ja sagen, was ist wirklich wichtig bei jedem Tier. Ist es wichtig, wo es lebt? Welche Nahrung es frisst? Was sind seine Feinde? Oder man kann die Kinder auswählen lassen: über welches Tier willst du recherchieren? Oder auch zu Zweit, dann kommt man wenigstens in einen Austausch. Damit lernt sozusagen jedes Kind die gleichen Prinzipien. Wenn man sich aber dann in der Schule präsentiert - sagen wir über Power Point oder was auch immer – dann können sie ganz tolle Sachen machen, dann lernt man auch von den anderen. Also das heißt, ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man hier noch mehr als sonst überlegt: „Wie kann ich Aufgaben geben?“ Und zwar richtig, mit Perspektivenübernahme: wie geht es den Kindern zu Hause? Wenn sie etwas tun, das sie selber spannend finden, das sie interessiert, ist die Motivation wesentlich höher und sie nehmen trotzdem viel mit.

Christine Haiden:
Es gibt auch immer wieder die Feststellung, dass wir die soziale Spaltung im Bildungssystem durch COVID verstärkt sehen, das heißt dass es auch welche gibt, die tatsächlich verlieren, weil sie schlechtere Startbedingungen haben. Lässt sich das aus ihren Studien herauslesen und wenn ja, was ist da aus Ihrer Sicht zu tun?

Prof. DDr. Christiane Spiel:
Sie sprechen einen ganz wichtigen Punkt an. Jede Krise, egal welche - und diese Pandemie ist ja wohl die größte Krise, die wir je erlebt haben - verstärkt Unterschiede. Also das heißt, es gibt sicher viele Kinder, und das sind vor allem sicher auch die aus unserer Studie, die natürlich Schwierigkeiten haben und Herausforderungen, die aber gut damit zu Rande kommen und auch Unterstützung von den Eltern bekommen, auch wenn es für diese anstrengend ist. Während es Kinder gibt, denen es von Vornherein schon nicht so gut gegangen ist: die Eltern haben, die vielleicht eine niedrige Bildung haben, meistens verbunden auch mit engem Wohnraum, die Eltern vielleicht auch nicht Deutsch können und im Extremfall vielleicht sogar arbeitslos geworden sind und selbst verzweifelt sind. Diesen Kindern geht es natürlich besonders schlecht. Das Problem ist nur in solchen Situationen - weil eben Lockdown ist und weil man angewiesen darauf ist, dass jemand selbständig sagt: „Ich möchte an so einer Studie teilnehmen.“ - erreichen wir genau diese nicht. Wir erreichen all jene nicht, die keinen Internetanschluss haben, wir erreichen all jene nicht, die kein Endgerät haben und wir müssen eigentlich davon ausgehen, dass diejenigen, denen es wirklich ganz schlecht geht, die keine Tagesstruktur haben, die keinen Lernerfolg haben, dass die natürlich auch an unserer Studie nicht teilnehmen. Das heißt, obwohl wir auch viele haben, die sagen es hat sich verschlechtert, es geht uns nicht gut und wir kommen mit dem Lernen nicht zu Rande oder wir bekommen auch keine Unterstützung beim Lernen, wenn wir sie brauchen von zu Hause, dass trotzdem diese Gruppe ein hohes Risiko hat, deutlich unterschätzt wird bzw. die Extremstfälle gar nicht teilnehmen.

Christine Haiden:
Sehen Sie da eine Verantwortung bei der jeweiligen Schule, dass man dem einfach stärker nach gehen muss oder ist das eine Verantwortung des gesamten Systems?

Prof. DDr. Christiane Spiel:
Ich sehe eine Verantwortung ehrlich gesagt unserer gesamten Gesellschaft. Weil wir als Gesellschaft die Aufgabe haben, jungen Menschen eine möglichst gute Bildung zu bieten. Das steht auch in der Bundesverfassung drinnen, dass das sozusagen die Aufgabe der gesamten Gesellschaft ist. Natürlich können diese Kinder am ehesten durch die Schule und durch die Lehrpersonen erreicht werden, denn die wissen ja, welchen Kindern es schlecht geht. Aber die werden das wahrscheinlich auch nicht alles schaffen, denn wir hatten vorher schon Schwierigkeiten, für Chancengerechtigkeit zu sorgen. Aber es ist wirklich eine Aufgabe der Gesellschaft. Stellen wir uns vor, wenn jemand aus dem Lernen herausgefallen ist, also überhaupt keinen Erfolg mehr hat und das schon möglicherweise seit Monaten, dann bleibt so einem Kind, dann bleibt einem Jugendlichen, einem jungen Mann gar nichts anderes übrig, als dass man das System abwertet, wenn man in diesem System keine Erfolge hat. Man sagt dann, dass die Schule eigentlich ein Blödsinn ist, man sie nicht braucht. Man will das Lernen nicht und das tut man, um den eigenen Selbstwert aufrecht zu erhalten. Ich kann ja nicht sagen, das ist so wichtig, nur bin ich völlig unfähig, das zu schaffen. Und die wieder rein zu holen und ihnen auch dieses Selbstvertrauen zu vermitteln: „Du kannst es schaffen, wir müssen mit kleinen Brocken anfangen, aber du kannst es schaffen!“ Das heißt, ich muss ganz lange dabeibleiben, ich muss mir viel überlegen, Förderunterricht, vielleicht ein Buddy-System, also wo einzelne Kinder einander unterstützen oder vielleicht auch Lehramtsstudierende, also wirklich viele Möglichkeiten, Angebote, freiwillige Angebote in den Ferien, oder vielleicht so in kleinen Gruppen, wo sie virtuell betreut werden, also wirklich ein System aufrichten. Denn es geht auf der einen Seite natürlich um das individuelle Kind, um den Jugendlichen, aber es geht natürlich auch um uns als die gesamte Gesellschaft. Denn wenn viele Kinder und Jugendliche keine Bildung erlangen, damit sie nachher eine Berufsausbildung machen oder einen Beruf ausüben können, dann hat das auch volkswirtschaftliche Konsequenzen.

Christine Haiden:
Wir sind leider schon wieder am Ende unserer Zeit, Frau Professorin Spiel, aber eine letzte Frage mit einer Bitte um eine kurze Antwort habe ich noch: Sie verfolgen das jetzt schon über ein Jahr, wie sich das entwickelt, sie sind eine, die sich seit Jahren mit der Frage beschäftigt, wie kann unser Bildungssystem gerechter werden, die Chancen gleicher werden, wie kann Bildung verbessert werden. Sehen Sie aus der ganzen Krise, die wir erleben, auch schon ein paar Linien, wo sie sagen, daraus können wir wirklich lernen und das wird auch positive Effekte für die Zukunft unserer Bildung haben?

Prof. DDr. Christiane Spiel:
Also wir haben auf jeden Fall zwei Lerngewinne, und zwar auf beiden Seiten, vor allem auch bei den Lehrpersonen. Das eine ist die Digitalisierung. Man muss das aber aufarbeiten und dann systematisieren. Das gilt natürlich auch für die Kinder. Das Zweite ist die Selbstorganisation. Also selbstorganisiertes Lernen ist wie gesagt für lebenslanges Lernen ganz, ganz wichtig. Die Kinder und Jugendlichen mussten das jetzt verbessern, um zu Rande zu kommen, aber es sollte generell einen wesentlich höheren Stellenwert haben - überhaupt fachübergreifende Kompetenzen - denn das sind genau diejenigen, die wir später brauchen, um sie als Grundlagen zu haben, um Faktenwissen, Kompetenzen zu erwerben. Ich glaube das sind zwei ganz zentrale Elemente. Und das dritte ist, dass wir uns wesentlich mehr um diese Risikogruppen kümmern müssen. Denn wenn wir wieder in eine Krise kommen, sollten wir schon vorher wissen: wer sind die, die besonders gefährdet sind? Und wir sollten auch schon vorher ganz viel dafür tun, dass sie eben nicht so gefährdet sind.

Christine Haiden:
Vielen Dank Frau Professorin Spiel, das war ein sehr spannendes Gespräch mit Ihnen. Ich hoffe, dass sie Ihre Forschungen fortsetzen können und wir dann im Laufe der nächsten Monate auch neue Ergebnisse bekommen. Vielen Dank!

Ihnen allen danke ich fürs Zusehen. Ich hoffe, es waren interessante Informationen für Sie dabei. Wenn Sie mehr wissen möchten zur Frage: „Wie machen wir jetzt weiter?“, dann besuchen Sie doch die Website von Welt der Frauen oder von Movement21 da gibt es weitere Antworten. Bleiben Sie gesund und bis zum nächsten Mal. Danke fürs dabei sein.

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Die Autor*Innen
Gerhard Hinterkörner

Business-Concierge und Charakter Trainer

g.hinterkoerner@movement21.at

Christine Haiden

Dr.in Christine Haiden ist langjährige Chefredakteurin Welt der Frauen, Autorin, Moderatorin

christine.haidenwelt-der-frauen.at

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