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Gesellschaft und Wissenschaft

WISS 9 - AQUA ALTA

In diesen Tagen sitzen die politischen Verantwortungsträger gemeinsam mit Wissenschaftlern und NGOs zusammen in Madrid und konferieren über das Klima und seine Veränderung. Anlass ist der vom Menschen verursachte Klimawandel, hieß es noch 2015 in Paris.

04.12.2019

Inzwischen hat sich auch der Begriff gewandelt und hat über die „Klimakrise“ bis zur „Klimakatastrophe“ eine neue, noch furchteinflößendere Definition erhalten. Ein massiver Temperaturanstieg wird prognostiziert und gleichzeitig erhitzen sich die Gemüter in den Diskussionen in der Gaststube, in den sozialen Medien und in jedem einzelnen. Allianzen haben sich gebildet, von denen niemand gedacht hätte, dass es hier einen Schulterschluss geben wird und viele Allianzen gilt es noch zu bilden. Was bewegt die Gesellschaft in dieser noch nie dagewesenen Herausforderung?

In einer unglaublichen Dichte liefern die Medien neue Daten und Fakten, die die Wissenschaftler seit Jahrzehnten versuchen, der Politik und Wirtschaft glaubhaft zu machen. Dort ist die Botschaft bis dato nicht angekommen. Auch in den Köpfen der Menschen regen die Forschungsergebnisse eher an, in Lagern zu denken. Die erste Frage, die man sich stellt, ist scheinbar nicht, wie kommen wir aus dieser prekären Situation, sondern glaube ich die Fakten oder sehe ich dahinter eine große Verschwörung, ist Greta Thunberg eine wichtige Botschafterin oder wird sie von geheimen Machenschaften vorgeschoben bzw. welche Berechnungen von Klimabilanzen gefallen mir am besten, damit ich meinen Lebensstil rechtfertigen kann.

In mir drängt sich die Frage auf, warum berührt das Thema nicht emotional? Warum schieben wir alle möglichen Ablenkungen vor, um uns nicht damit auseinandersetzen zu müssen? Eine große Illusion ist zerbrochen. Der Soziologe Stephan Lessenich schreibt in einem Essay, dass die in den Nachkriegsjahren begonnene Petroindustrie uns glaubhaft gemacht hat, dass der Dauerwachstum durch die Naturausbeutung unendlich und obendrein noch umsonst zu haben wäre. Tatsächlich ist in den westlichen Demokratien damit eine verteilungspolitische Befriedigung entstanden und trotzdem stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Vielleicht ist es die Enttäuschung über diesen Fehlglauben, die unseren Handlungsdrang lahmlegt.

Der Philosoph und Klimaethiker Stephen Gardiner fasst dies in noch schönere Worte: „ Obwohl viele das Gefühl haben, dass wir uns moralisch fragwürdig verhalten, trösten wir unser schlechtes Gewissen mit erwartbar wirkungslosen Maßnahmen und stehlen uns aus der Verantwortung.“ Aber auch die wirkungsvollen Maßnahmen, setzen sich nur schwer durch, da das Belohnungssystem, das uns das Gefühl gibt, richtig gehandelt zu haben, nicht sofort aktiviert wird. Wenn wir zum Beispiel mit dem mitgebrachten Einkaufskorb aus dem Supermarkt gehen, sehen wir den positiven Effekt nicht sofort.  Beim Verlassen des Supermarktes mit Korb oder Plastiksackerl kann ich den unterschiedlichen Einfluss aufs Klimageschehen nicht sehen, spüren oder in einer anderen Art nachvollziehen. Daher sind unser Umdenken und unser aktiver Klimaschutz auch sehr träge.

Was gibt Hoffnung? ,wird der namhafte Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber gefragt. Er beschreibt die fast magische Allianz, die zwischen Forschung, Jugend und der Kirche entstanden ist. Niemand hatte diese Konstellation auf dem Schirm. Die Jugend wird unbequemer, auf der Straße und auch am Frühstückstisch. Papst Franziskus hat gleich nach seiner Ernennung eine neue Enzyklika herausgegeben, die mit „Laudato si“ titelt. Zum ersten Mal stellt ein Papst damit ökologische Fragen in den Mittelpunkt eines so verbindlichen päpstlichen Dokuments. Er ruft die Weltgemeinschaft zu einem fundamentalen Umdenken und jeden Einzelnen zu einem umweltbewussten und nachhaltigen Lebensstil auf.

Klimaschutz ist also eine Frage der Ethik. Es genügt nicht pro oder contra zu diskutieren, Greta Thunberg Anhänger zu sein oder nicht. Die Fragen, die wir uns zu stellen haben, sind fundamentaler. Wovor empfinde ich Demut und Dankbarkeit und was will ich schützen und behüten, weil ich seine tiefe Bedeutung im Kreislauf verstanden habe?   Während die Verhandler in Madrid hoffentlich nicht nur über Ziele sondern auch über Maßnahmen diskutieren, sollten wir uns ehrliche ethische Fragen stellen. „Aqua alta“ heißt es, wenn in Venedig die Hochwasserwarnung ausgerufen wird. Beinahe bis zum Hals reichte es diesen Herbst.                                                                                                                    

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Die Autorin
Sandra Schwaiger

Inhaberin des Yogastudios innen.raum., Yogalehrerin und leidenschaftliche Denkerin über die großen Fragen des Lebens. Gemüsegärtnerin und Autodidaktin.

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