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Gesellschaft und Wissenschaft

WISS 17 Angst und Überforderung

Das Coronavirus und die ganze Debatte rund um diese Krankheit haben für mich noch viele andere Aspekte und Fragen aufgeworfen. Über zwei davon möchte ich Ihnen berichten:

03.03.2020

Der erste ist das Thema Angst:

Ich durfte vergangene Woche an einer interessanten Veranstaltung teilnehmen. Einer der Referenten war Dr. Purkhard Varnholt, seines Zeichens Chief Investment Officer der Credit Suisse. Angesichts der – moderat formuliert – turbulenten Tage an der Börse wurde Herr Varnholt natürlich auch nach seiner Einschätzung für die folgenden Wochen und Monate gefragt.

Er vertrat die Ansicht, dass alleine durch die eingeschränkte Aufmerksamkeitsspanne der Menschen das Thema des Coronavirus bald durch ein anders Angstthema abgelöst werden sollte. Wie zur Bestätigung dieser Einschätzung gibt es seit einigen Tagen wieder Berichte über Flüchtlingswellen und Krisenherde abseits von Corona.

Es hat wirklich den Anschein, als gäbe es eine Verpflichtung der Medien, immer zumindest ein bis zwei massive Angstszenarien am Leben zu halten. Nachdem es bei Angstgefühlen viel mehr um die emotionale Komponente geht als um rationales Denken, führt diese laufende Berichterstattung zu den absurdesten Verhaltensweisen - Stichwort Hamsterkäufe.

Die beste Empfehlung kam in diesem Zusammenhang vom Chef des Wiener Zivilschutzverbandes der angeregt hat, dass sich die Leute vor dem Kauf von Konserven in Krankenhausmengen die Frage stellen sollten, ob ihnen diese überhaupt schmecken. Sie sollten ja auch irgendwann gegessen werden. Nicht zu vergessen: der Mann weiß, wovon er spricht und tritt jetzt nicht grundsätzlich gegen eine Bevorratung ein. Aber aus ganz anderen Gründen. Z.B. Energieausfall – es kann ein Brand in einer Nachbarswohnung schon die Infrastruktur für einige Tage außer Kraft setzen – ein Beinbruch, eine längere Grippe. Aber in allen diesen möglichen Fällen sollte nicht Angst, sondern die Vernunft die Vorbereitungen leiten.

Das zweite Thema ist nicht minder absurd:

Ein First Mover, der ein Logistikunternehmen leitet hat mir berichtet, dass er mittlerweile für die meisten Kunden ein schriftliche Bestätigung abgeben muss, dass er im Falle einer Erkrankung eines Mitarbeiters – und womöglich die daraus folgende Schließung seines Betriebes – trotzdem seinen Lieferverpflichtungen nachkommen kann. Natürlich erhalten diese Aufforderung auch alle anderen Logistikunternehmen und so sichert sich der eine beim anderen ab, dass im Fall des Falles dieser seine Agenden übernehmen kann. Hinter vorgehaltener Hand weiß natürlich jeder, was für ein Schwachsinn das ist, aber es gilt den Schein zu wahren, dass man alles unter Kontrolle hat.

Wie wir den beruhigenden Worten unserer Politiker entnehmen können hat man auf staatlicher Ebene natürlich auch alles unter Kontrolle und unser jahrzehntelang antrainiertes Vertrauen in den Staat wird dadurch noch untermauert. Natürlich ist das gut so. Man will sich gar nicht vorstellen was passiert, wenn hier Unsicherheit signalisiert wird. Trotzdem frage ich mich, warum es in einer für alle völlig neuen Situation nicht erlaubt sein darf, offen über Herausforderungen zu sprechen, die noch nicht gelöst sind, anstatt immer nur zu signalisieren, wie perfekt man alles unter Kontrolle hat. Ein Verhalten, das mir in der Wirtschaft auch sehr stark begegnet ist. Dort durfte ich sogar die Erfahrung machen, dass je mehr signalisiert wurde, wie perfekt alles läuft und wie sehr man alles im Griff habe, desto höher die Wahrscheinlichkeit war, dass man so gut wie überhaupt nicht Bescheid wusste und sehr viel komplett aus dem Ruder lief.

Ich denke, wir sollten es uns eingestehen wenn wir herausge- oder manchmal sogar überfordert sind. Das ist der erste Schritt auch wirklich Hilfe anzunehmen und diese ist in solchen Situationen oft dringend erforderlich.

Auch zu diesem Thema kam von Herrn Dr. Varnholt eine bemerkenswerte Aussage, die ich Ihnen zum Schluss nicht vorenthalten möchte. Auf die Frage, was sich morgen an den Börsen abspielen wird, hatte er eine überraschende Antwort: „Ich weiß es nicht und ich bezweifle, dass es irgendjemand auf dieser Welt weiß“.

Konsequent einfach, entwaffnend ehrlich und menschlich einfach großartig. Zur Nachahmung wärmstens empfohlen!

 

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Der Autor
Gerhard Hinterkörner

Business-Concierge und Charakter Trainer

g.hinterkoerner@movement21.at

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