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Gesellschaft und Wissenschaft

Systemrelevanz

von Sandra Schwaiger

Ein Kiesstrand ist voller Steine. Einer mehr oder weniger tut nichts zur Sache, es bleibt ein Kiesstrand. Im Bezug auf das ökologische System eines Kiesstrandes ist natürlich jeder einzelne Stein relevant, weil wenn ich einen Stein aufheben und ihn mit nach Hause nehmen will, findet sich ein Käfer plötzlich ohne seinen kühlen und schattigen Ruheplatz wieder.

Eine Wolke mehr oder weniger am Himmel verändert den Bewölkungsgrad nicht weitreichend, ohne sie hätte ich aber die Graugansfamilie am anderen Ufer nicht gesehen. Im Licht- und Schattensystem ist diese Wolke also durchaus relevant. Ein System ist die Gesamtheit von aufeinander bezogen und miteinander verbundenen Elementen. Wenn man sich über die physikalische Erklärung noch mehr Verständnis zur Funktion von Systemen zu Gemüte führen will, erfährt man, dass sich ein System vom Energieaustausch mit anderen Systemen nährt und in Bewegung bleibt.

Was für eine schöne Metapher! Eine Familie, zum Beispiel, ist ein System für sich, bleibt aber nur durch die von außen oder anderen Systemen mitgebrachten Inputs der einzelnen Mitglieder lebendig und entwickelt sich weiter. Jedes System, das sich von anderen abschottet, erlischt früher oder später mangels Antrieb von außen. So funktionieren sehr vereinfacht dargestellt, Systeme, Ordnungen oder Strukturen.

Um den Fortbestand eines Systems zu garantieren, bedarf es einer klugen Entscheidungskompetenz, die Relevantes vom Unbrauchbaren unterscheiden kann.  Mit genau dieser Herausausforderung sind wir täglich konfrontiert- in den kleinen uns umgebenden und direkt betreffenden Systemen genauso wie im Gewebe der Gesellschaft und des öffentlichen Lebens. Wir sollten achtsam sein, welche Systeme mit welchen Entscheidungen bedient werden. Manches tut dem System „persönlicher Beliebtheitsgrad“ gut, dem System „Demokratie“ weniger gut.

Wenn ich fürs erste bei der Definition Demokratie als ein in unseren Breiten übliches Prinzip des Miteinanders bleibe, so sollte klar sein, dass hierbei die Macht vom Volk ausgeht, ein weiteres Merkmal das Mehrheits- bzw. mir noch sympathischere Konsensprinzip ist, eine Akzeptanz der Opposition vorausgesetzt wird und die Verfassungsmäßigkeit gilt. Es liegt mir fern, mich hier partei- oder tagespolitisch zu äußern oder zu vertiefen, ich möchte dies nur als Musterbeispiel für eine Selbstreflexion und mögliche Neuorientierung heranziehen.

Es ist durchaus spannend sich zu fragen, welcher „Verfassung“ oder Grundwerten ich mich in meinem Alltag, im Unternehmen oder im privaten Leben verschrieben habe, und wie ich sie bediene. Treffe ich Entscheidungen allein oder nutze ich die Impulse, Denkanstöße und Herausforderungen aus meinen oppositionellen Quellen, genügt mir das Mehrheitsprinzip oder habe ich festgestellt, dass eine konsensbezogene Entscheidung einem Familienausflug besser bekommt, als einen Überstimmten mitzuschleppen.

Wir alle kennen genügend Beispiele der Auswirkungen von knappen Mehrheitsentscheidungen, wo 51% über 49% bestimmen und wir das dann als demokratische Errungenschaft bezeichnen. Die Demokratie darf und soll sich weiterentwickeln. Und die Chance dafür war noch nie so groß wie jetzt, wochenlang in kleinen familiären Verbänden ausharrend, am Puls unserer Unternehmen agierend und sich gleichzeitig große Fragen stellend, können und sollen wir schauen, welche Systeme wir mit diesen Denkweisen bedienen und in Zukunft bedienen möchten.

Welche Denkmuster, Ziele und Überzeugungen sind für die kommende Zeit noch relevant und was hat sich selbst überholt? Egobezogene Systeme zu füttern, Anweisungen zu befolgen und deren Ausmaß dann zu bejammern, haben wir perfekt gelernt, dass Kompromissbereitschaft eine hochentwickelte Gesprächskultur auszeichnet und Selbstbestimmtheit auch Freiheit bedeutet, hat sich hingegen noch nicht so herumgesprochen und durchgesetzt. Aber vielleicht haben wir es jetzt erfahren dürfen.

Und vergessen sie die Momente aus den letzten Wochen nicht, die Ihr Herz berührt haben- ein Sonnenaufgang, eine unerwartete wohltuende Nachricht, ein Gefühl von Nähe in besonderen Momenten, eine Überraschung, ein schönes Buch, eine Versöhnung oder tiefe Dankbarkeit. Endlich ist Platz für diese in Vergessenheit geratenen Qualitäten, die dem Leben und unserem einzigartigem Dasein Sinn und Tiefgang schenken. Vergesst sie nicht, wenn ihr für Eure Systeme neue relevante Entscheidungen trefft.

Die Autorin
Sandra Schwaiger

Inhaberin des Yogastudios innen.raum., Yogalehrerin und leidenschaftliche Denkerin über die großen Fragen des Lebens. Gemüsegärtnerin und Autodidaktin.

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