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Gesellschaft und Wissenschaft

Nie wieder Urlaub

von Gerhard Hinterkörner

Urlaub ist genau das Gegenteil von Reisen. Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern von Klaus Kuhfeld, Autor des Buches „Die Erfindung des Reisens“ und Sozialwissenschaftler. Er plädiert für eine neue Ethik des Reisens und spricht mir dabei aus der Seele. Im Gegensatz zum Reisen, wo es um Erkenntnis und Abenteuer geht, um Spontanität, sich treiben zu lassen, sich in etwas zu verlieben von dem man noch gar nicht wusste, dass es überhaupt vorhanden ist, ist der Urlaub eine Massenbewegung.
Und zwar von unglaublichem Ausmaß.

Vor Corona lagen die Schätzungen bei 1,4 Milliarden Touristen weltweit. Und man rechnet in den nächsten Jahren mit einer Verdoppelung dieser Zahl. 330 Millionen Arbeitsplätze hängen an diesem Wirtschaftszweig. Eine Zahl, die angesichts der zwei vorangegangen eher verwundert, möchte ich noch anführen. Wie viel Prozent der Weltbevölkerung würden Sie schätzen, ist schon mal mit dem Flugzeug verreist? Es sind nur drei Prozent! Ich denke, dies verdeutlicht auch ganz klar den sozialen Aspekt. Je höher der Wohlstand, desto mehr die Lust zu verreisen.

Aber wohin soll die Reise künftig gehen? Menschen, die von Kreuzfahrten oder abgeschotteten Clubanlagen träumen, wird man nicht zu Individualtouristen machen können. Wie eine Ausbeutung von Kulturgütern verhindern? Wie kann man ethische Kriterien schaffen, die vom Einzelnen umgesetzt werden können? Wie die Eigenverantwortung stärken? Ein langer und steiniger Weg.

Ich denke, darin liegt aber auch eine große Chance zum Umdenken. Wie wollen wir künftig „Urlaub machen“? Wenn man Herrn Kuhfeld glauben schenken kann, ist es ein gewisses Paradoxon, dass das sogenannte Urlaubmachen meist mit einer Reise beginnt. Setzen wir doch diese Reise fort und lassen sie nicht in diesem Erholungsurlaub enden, wo man einer Anstalt ähnlich jeden Tag den Weg zum Frühstücks- und Abendbuffet einschlägt, und dazwischen bestenfalls ein Buch liest. Was bleibt meist von so einem Urlaub in Erinnerung? Es sind absurderweise meist jene Dinge, die irgendwie schief gelaufen sind, und zumindest dadurch für einen leichten emotionalen Ausschlag sorgten und damit auch im Gedächtnis bleiben.

Wir haben viele Möglichkeiten, dies anders zu gestalten. Wir als einzelne und die Politik könnte andere Rahmenbedingungen schaffen. Meiner Meinung nach braucht es vielerorts einfach Bedingungen, die festgelegt werden müssen, um ein Land besuchen zu dürfen. Dort, wo es klar ist, dass das Prinzip der Eigenverantwortung nicht greift, brauchen wir Eintrittsbestimmungen. Zum Wohle und für eine bessere Qualität für alle Reisenden!

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Der Autor
Gerhard Hinterkörner

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