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Nach Luft schnappen

Einatmen – ausatmen-einatmen-ausatmen…dieser Vorgang passiert in unserem Körper jeden Augenblick ganz von selbst, wir müssen nicht darüber nachdenken, der Körper atmet einfach. In einer paradiesischen Urlaubsdestination fließt der Atem anders als in den Wochen des Covid-19.

14.04.2020

Und das aus zweierlei Gründen: Der erste ist, dass der Atem eng mit dem Bewusstsein und dem Unterbewusstsein verbunden ist und sich in Zeiten des Stresses und der Angst verflacht und das System Körper demnach nicht so förderlich versorgt, wie es langfristig gesund wäre. Die zweite Auswirkung auf den Atem, dessen Aufgabe es ist, Lebensnotwendiges aufzunehmen und Verbrauchtes auszuscheiden, wird durch das Tragen von Mundschutzmasken massiv beeinträchtigt.

Der Ausatem darf nicht wie gewohnt und der Idee jedes Ausscheidungsprozesses entsprechend den Körper vollständig verlassen, sondern muss unweigerlich aufgrund des Schutzartikels großteils wieder in den Körper eingeatmet werden. Die Vorstellung, das soeben Ausgeschiedene wieder in den Körper aufzunehmen, erscheint mir etwas grauenhaft.  Aber diese physiologischen Vorgänge seien nur am Rande erwähnt, denn dass wir wie Fische in einem vorm Austrocknen bedrohten Teich nach Luft schnappen, interessiert mich mehr. Dass Ausgeschiedenes draußen ist, hilft vielleicht bei der Vorstellung, dass das Gewesene vorbei ist, dass das Gewohnte zu Ende ist und wir vom neuen Normal noch keine Ahnung haben, auch wenn der Jungvater der Nation uns damit trösten will.

Ich brauche keinen Trost, denn er macht mir keinen Mut. Das milliardenschwere Hilfspaket für die brachliegende Wirtschaft, verbreitet bei allen, die kein Unternehmen führen, das Gefühl, dass man alles dafür tut, dass die Wirtschaft weiteratmen kann. Der Härtefonds ist gut gemeint, aber auch er macht mir keinen Mut. Disziplin wird von uns gefordert und mit fragwürdigen Mitteln kontrolliert und geahndet. Das Wort Disziplin erinnert mich an Vokabellernen mit Karteikarten, wodurch sich meine Fremdsprachenkenntnisse niemals in einen kreativen Sprachfluss transformiert haben.

Disziplin ist kein Nährboden für Kreativität. Disziplin macht mir also auch keinen Mut. Experten ihres Faches sind bei großen Fragen sehr hilfreich, vor allem, wenn es darum geht, weitreichende Entscheidungen zu treffen. Wenn die Experten aber keine Namen haben, machen sie mir auch keinen Mut. Wo also all den Mut hernehmen, den ich jetzt so dringend brauche? Hätte mich vor einem halben Jahr jemand gefragt, welche Ideen ich noch umsetzen möchte, in welche Richtung ich mein unternehmerisches Schiffchen noch steuern möchte, hätte ich wahrscheinlich geantwortet, dass ich dafür ein paar Wochen Auszeit brauchen würde.

Da ist sie auch schon, die Zeit zum Nachdenken, sich ängstigen und wieder besinnen! Etwas auszulassen, wenn man schon weiß, was das Neue sein wird, birgt Potentialentfaltung, wenn auch eine geringe. Etwas loszulassen, ohne zu wissen was kommt, birgt die maximale Entfaltungsmöglichkeit! Warum also im Schlamm des Trostes, der angeordneten Disziplin, des Schadensersatzes und der Expertenmeinungen zitternd mutlos auszuharren und Herzenswünsche, Talente und Ressourcen brachliegen zu lassen?

Positionieren Sie sich neu und werfen Sie dabei den Blick nicht ausschließlich auf den Markt, um dort einen rettenden Strohhalm im ausgetrockneten Teich zu finden. Auch wenn Aristoteles uns den schönen Gedanken hinterlassen hat, dass, wenn die Talente auf die Bedürfnisse der Zeit treffen, dort die Berufung liegt, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass, wie eben definiert, Berufung zu gleichen Teilen aus Talent sowie den Bedürfnissen der Zeit besteht. Kapitalismus in seiner Reinform fokussiert ausschließlich zweiteres, entkoppelt alle Beteiligten von dem, was einst von einem Talent, einer Vision, einem Traum seinen Ausgang genommen hat und treibt mit seiner Geschwindigkeit alle in die Erschöpfung, Abhängigkeit und vor allem in den Verlust von Eigenverantwortung und einem natürlichen Urteilsvermögen.

Ich erinnere mich an den Mauerfall, wonach sich alle ausgemergelten Betriebe aus dem Osten, die sich für den Angstmodus entschieden haben, billig in den Rachen der westlichen Großkonzerne geworfen haben. Kreative und bunt denkende Köpfe mit nichts in den Taschen haben hingegen Berliner Viertel wie den Prenzlauer Berg oder Kreuzberg mit genialen Konzeptläden gefüllt, wonach sich der sogenannte Vintagestyle quer durch die Branchen noch immer in Socialmedia-Designs wiederfindet. Mein Unternehmen ist so klein, dass mir keine über die Jahre angesammelten Rücklagen den Rücken für Neues freihalten und trotzdem schnappe ich nicht gelähmt nach Luft. Meine Mutmacher heißen Kreativität und Fantasie, sie beide haben mich noch nie im Stich gelassen! Und natürlich eine Portion Ungehorsam, denn Liebende fragen sich nicht, was sich gehört!

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Die Autorin
Sandra Schwaiger

Inhaberin des Yogastudios innen.raum., Yogalehrerin und leidenschaftliche Denkerin über die großen Fragen des Lebens. Gemüsegärtnerin und Autodidaktin.

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