Im freudlosen Schlaraffenland - Movement 21
Letztes Update vor 3 Minuten
Gesellschaft und Wissenschaft
Neueste Beiträge
Meistgelesen

Im freudlosen Schlaraffenland

von Gerhard Hinterkörner

Wenn man nach den Vorstellungen der Menschen im Mittelalter geht, leben wir im Schlaraffenland. Kein Wunder, damals waren die Menschen bitterarm, krank, schmutzig und obendrein noch hässlich. Als keinen Trost hatten sie Aussicht, sehr bald zu sterben. Wenn man einen Menschen im siebzehnten Jahrhundert in eine Zeitmaschine gesteckt und ihn 50 Jahre in die Zukunft katapultiert hätte, hätte er kaum eine Veränderung bemerkt. Also die Dynamik hielt sich auch in Grenzen.

In einem neuen spannenden Buch von Rutger Bregman „Utopien für Realisten“ gibt es eine ganze Fülle von derartigen Vergleichen, untermauert mit Daten und Fakten. Unser Leben übertrifft bei Weitem die wildesten Träume unserer Vorfahren. Ich fand den Verweis auf das Schlaraffenland sehr inspirierend und habe mir dieses Märchen mal im Original genauer angesehen.

Und mit Erstaunen tatsächlich einige Parallelen entdeckt! Zahlreiche Märchen und Erzählungen greifen dieses Thema auf, aber der rote Faden bleibt immer gleich. Wer im Schlaraffenland lebt, braucht sich um nichts Sorgen zu machen! Also im Vergleich zu früheren Zeiten, sind wir jetzt sehr reich, oder haben zumindest Wohlstand, wir haben eine sehr lange Lebenserwartung, sind gesund, sauber, leben in einer sicheren Umgebung und manche von uns sind sogar ausgesprochen attraktiv. Und sollte uns etwas passieren, gibt es ein Sicherheitsnetz, ein Gesundheitssystem, eine Grundversorgung, Arbeitslosengeld. Man könnte fast sagen: es soll uns gut gehen, koste es was es wolle!

Die Tiere fliegen zwar noch nicht fertig gebraten durch die Luft, aber in diversen Fast Food Restaurants geht es mittlerweile schon ähnlich schnell. Und es könnte noch besser werden. Nachdem sich durch die Stilllegung von gigantischen Fleischfabriken tausende Tonnen Schweinfleisch stauen, würde es mich nicht überraschen, wenn wir künftig – ähnlich wie beim Erdöl – dafür bezahlt bekämen, wenn wir Industrieschweinefleisch konsumieren wollten.

Im Schlaraffenland leben die Menschen im Überfluss und hart zu arbeiten, gilt als Sünde! Ein Schelm wer dabei an die Manager von Wirecard, Commerzbank, KPMG, VW oder an die der Fracking-Öl-Firmen denkt, die, bevor sie ihre Fabriken geschlossen haben – aus den stillgelegten Bohrlöchern (zwei Millionen in den USA) entweicht jetzt massenhaft giftiges Methan – noch dicke Boni bezogen haben.

Das Verhältnis zu Frauen ist in dem Märchen so festgehalten: „Wer eine Frau hat, die ihm nicht mehr jung genug und hübsch, der kann sie dort gegen eine junge und schöne vertauschen und bekommt noch Draufgeld dafür.“ Was mit den alten sturen Böcken mit Bierbauch passieren soll, wird nicht näher ausgeführt.

Beispiele könnten wir derer noch viele anführen, aber für mich stellt sich die Frage: Warum können wir dies nicht mehr genießen? Warum lebt es sich so freudlos im Schlaraffenland? Auch zu dieser Frage bietet Bregman eine interessante These: Wir sind satt! Es fehlt uns an Motivation für Veränderung. Und den Hauptgrund hierfür formuliert er in einem zentralen Satz: „Wir können uns nichts Besseres vorstellen“. Dabei übersehen wir eine große Chance. Auch wenn uns Wohlstandsperspektiven fehlen, so gibt es doch etwas, von dem im Märchen vom Schlaraffenland nicht zu lesen ist. Nämlich Sinnhaftigkeit! Diese unsere reiche und wunderbare Welt gehört mit Sinn erfüllt. Lasst uns daran arbeiten, dies ist eine Sünde wert!

Kommentare und Antworten

Login anmelden und Kommentare hinzufügen.
  • Franz Brunhofer Badge M21 First Mover 31.07.2020 um 09:37
    Warum fehlt die Freude im Schlaraffenland? Die Antwort auf diese Frage hat mehrere Dimensionen und kann daher nie den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben:
    Einerseits werden Freude, Glück und Genießen in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich definiert, und andererseits sind wir in der Bedürfnispyramide weit davon entfernt, ganz oben angekommen zu sein.
    Die meisten Weltreligionen spielen leider eine entscheidende Rolle in diesem Zusammenhang. Schlussendlich werden wir eine befriedigende Antwort nur in der Auseinandersetzung mit uns selbst finden. Der Ort, wo diese Auseinandersetzung stattfinden kann - und das ist ein tief philosophisch Ansatz - ist nicht für alle von uns zugänglich.
  • Gerhard Filzwieser Badge M21 First Mover 23.07.2020 um 09:32
    "Wir können uns nichts besseres vorstellen" ... dieser Satz erscheint auf den ersten Blick sehr unschuldig. Bei genauerer Betrachtung ist er vermutlich einer der Schlüssel schlechthin, um aus dem freudlosen Schlaraffenland auszubrechen. Wir sind als Gesellschaft an Grenzen gestoßen, haben sie vermutlich an einigen Stellen auch schon überschritten. Das ist uns vielfach bewußt. Und jetzt ist unsere Phantasie zu Ende? Erschöpft durch Konsum, Objektdenken und dem Heilsweg der Digitalisierung? Dann haben wir als Gesellschaft wohl das verdient, was sich jetzt zeigt. Aber wir haben eine Chance. Jeder selbst kann entscheiden, ob er ein Fenster aufmachen möchte. Ein Fenster mit einer neuen Vorstellung ... für sich selbst ... mit mehr Sinn und mehr Freude. Vermutlich ist es kein einfacher Weg, und vermutlich braucht es Zeit diese neue Vorstellung zu entwickeln. Aber ich denke, lohnend wird es auf alle Fälle sein. Und damit können wir andere "infizieren", es uns gleichzutun. Den "Babyelefanten" als Abstandhalter dürfen wir dabei aber nicht akzeptieren, denn wir werden uns gegenseitig berühren müssen, damit es funktioniert. Der Gesetzgeber erlaubt uns das nicht? Dann seid ungehorsam, wenn ihr nicht freudlos im Schlaraffenland verbleiben möchtet!
Der Autor
Gerhard Hinterkörner

Unternehmer aus Leidenschaft, Familienvater, Hobbysportler und Genussmensch!

g.hinterkoerner@movement21.at

Beitrag drucken
PDF Download
Vorteile als m21 Mitglied:
Movement 21 Blog:
Schmöker rein, oder mach es dir bequem und höre dir die Podcasts an. Hier gibt es wöchentlich Neues für dein persönliches Wachstum. Für deinen Perspektivenwechsel.
Diskutieren:
Du kannst dich einbringen, mit anderen Free Movern in einen niveauvollen Diskurs treten und dich vernetzen. Jeder Beitrag bietet die Möglichkeit zum Diskurs und zum Austausch eigener Erfahrungen.
Newsletter:
Aktuell und immer Interessant, widmet sich der Movement 21 Newsletter unmittelbaren Themen, die gerade unter den Fingernägel brennen.
Free Mover werden
Event Einladungen:
Ein spannendes Thema, mindestens zwei interessante Key Speaker und eine außergewöhnliche Location. Mindestens 6x im Jahr bist du dazu eingeladen.
Video Calls:
Videokonferenzen, schnell einberufen, zu einem aktuellen Diskussionsthema oder zu einer Problemlösung, oder ganz einfach zum Erfahrungsaustausch.
Wissensmatrix:
Du hast Zugang zu einer Wissensmatrix die detailierte Informationen aus verschiedensten Fachbereichen liefert.
Geschenk:
Einige Tage nach deiner Anmeldung wird dir ein Geschenk zugestellt, dass dir bei einer wichtigsten Dinge der Welt eine Hand freit hält.
First Mover werden
Firmenveranstaltungen:
Wir können auf Wunsch eine Veranstaltung in deinem Unternehmen organisieren. Bei diesem Event besteht die Chance viele Botschafter deines Unternehmens zu gewinnen.
Beratungsleistungen & Seminare:
Als Partnerbetrieb steht dir individuelle Beratungsleistung zur Verfügung. Du bekommst laufend Updates über die gesamten Möglichkeiten unseres Netzwerkes.
Kooperations- und Beteiligungsmöglichekiten:
Innerhalb der Movement 21 Community entstehen laufend neue Projekte und auch einige Firmengründungen wurden schon umgesetzt.
Mitgestaltung des Movement 21 Manifest:
In Abstimmung mit dir werden Absichten und Ziele definiert die künftig in unserer Gesellschaft massiv an Bedeutung gewinnen werden. Das Manifest wird als Leitfaden für einen wirtschaftlichen Erfolg dienen.
Partner werden
Neueste Beiträge
Gesellschaft und Wissenschaft
Meistgelesen

Bitte versorgt uns mit neuen Bildern

von Gerhard Hinterkörner
Wie oft kann man ein Bild von einem Corona-Test ertragen? Ich kann bei dem Wort Corona-Testungen – und dies kommt in den letzten Monaten auf allen Sendern, zu allen Tageszeiten und zu allen Themen vor – in Zukunft keinen offenen Mund mit herausgestreckter Zunge, dem gerade ein Wattestäbchen bis zum den wahrscheinlich nicht mehr vorhandenen Mandeln eingeführt wird, mehr sehen! Die Einführung des Stäbchens in die Nase finde ich im Übrigen fast noch schlimmer, denn da hat man den Eindruck, der Tester wolle irgendeine Probe aus dem Gehirn entnehmen.
Gesellschaft und Wissenschaft

Nie wieder Urlaub

von Gerhard Hinterkörner
Urlaub ist genau das Gegenteil von Reisen. Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern von Klaus Kuhfeld, Autor des Buches „Die Erfindung des Reisens“ und Sozialwissenschaftler. Er plädiert für eine neue Ethik des Reisens und spricht mir dabei aus der Seele. Im Gegensatz zum Reisen, wo es um Erkenntnis und Abenteuer geht, um Spontanität, sich treiben zu lassen, sich in etwas zu verlieben von dem man noch gar nicht wusste, dass es überhaupt vorhanden ist, ist der Urlaub eine Massenbewegung.
Und zwar von unglaublichem Ausmaß.
Gesellschaft und Wissenschaft

Fieberhaft, händeringend & Co

von Gerhard Hinterkörner
Treue Leser meiner Beiträge wissen es bereits: manch vielzitierte Ausdrucksweise bringt mich entweder auf die Palme oder lässt mich eher kopfschüttelnd zurück. Eher lustig finde ich beispielsweise die händeringende Suche nach Fachkräften. Wann immer Unternehmer MitarbeiterInnen suchen, machen sie dies händeringend. Man könnte sich die vielen Tafeln vor den Firmen sparen, auf denen steht, welche Professionisten gerade gesucht werden. Es bräuchte sich nur der Eigentümer/die Eigentümerin händeringend vor die Firma stellen. Jeder wüsste: hier wird ganz dringend nach Personal gesucht!
Gesellschaft und Wissenschaft

Unser Körper lügt nie

von Gerhard Hinterkörner
Wie geht es Ihnen mit der Maske? Haben Sie sich schon angefreundet, kaum Luft zu bekommen, zu schwitzen, lauter sprechen zu müssen, den anderen kaum zu verstehen, mit dem Druck des Gummis hinter den Ohren? All jene, die dieses Unding stundenlang und ordnungsgemäß verwenden müssen, hätten sich meines Erachtens eine Riesenprämie verdient und haben meinen größten Respekt. Ich müsste so einen Beruf an den Nagel hängen.
MOVEMENT 21 jetzt auch als App
Alle Podcasts gibt es jetzt für unterwegs mit offline-Verfügbarkeit