M21 Blog
Gesellschaft und Wissenschaft

Ich schäme mich

Ein Telefonat, das ich vor einigen Tagen mit einem Freund geführt habe, mag mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Es ging dabei um die Planung eines größeren Termins im Ausland, um ein Projekt vorzustellen. Man darf ja noch träumen bzw. planen, denn irgendwann werden solche Treffen auch wieder möglich werden. Er hat mich aber schon vorgewarnt: die Gruppe, die ich dort treffen soll, sind sehr „freiheitsliebende Menschen“, so wie er es formuliert hat. Grundsätzlich schätze ich mich auch als sehr freiheitsliebend ein, daher war ich überrascht, dass er mich so explizit vorwarnt.

Was er wirklich gemeint hat war, dass es sich dabei um Impfgegner handelt.

Soweit sind wir also schon gekommen. Man wird vorgewarnt vor vermeintlich anderen Ansichten. So etwas wie ein wertschätzender Diskurs nach dem Motto: „Ich bin dieser Meinung, du jener, lass uns darüber diskutieren“ ist ja nicht mehr möglich, wenn es um unterschiedliche Sichtweisen geht. Besser, man ist vorbereitet und kann dieses Thema vorsorglich umschiffen.

Ich habe im Übrigen mit meinem Freund nie über dieses Thema gesprochen, und insofern war ich auch ein wenig überrascht, dass er mich richtigerweise nicht zu dieser Gruppe zählt. Wobei ich zugeben muss, dass ich vor vielen Jahren ebenfalls so einen von Egoismus geprägten Charakter hatte. Und dafür geniere ich mich rückblickend sehr. Es gibt nicht viele Dinge, die mir im Rückspiegel betrachtet mehr als peinlich sind. Ich folgte damals irgendwelchen selbsternannten Experten und ehemaligen – meist unrühmlich aus der Pharmaindustrie ausgeschiedenen Leuten. Und ich glaubte nicht nur ihren haarsträubenden Schwachsinn, nein ich war auch noch völlig intolerant gegenüber jenen, die damals schon mitbekommen haben, wie sehr ich auf dem Holzweg war.

Das Schlimmste daran: auch ich hab damals diesen Egoismus mit Selbstbestimmung und Freiheit verwechselt. Das alles ist kein Ausdruck von Eigenverantwortung, sondern genau das Gegenteil, nämlich Rücksichtslosigkeit. „Ich lasse mir meine Freiheiten von der Vernunft nicht einschränken“, das ist in Wirklichkeit das Credo dieser Menschen. Es ist so absurd: je freier, sozialer, kämpferischer und trotzkindischer sich diese Gruppen formen, desto unfreier machen sie die gesamte Gesellschaft.

„Ich, ich, ich und nochmals ich“ war kürzlich als Headline in den Salzburger Nachrichten zu lesen. Es war ein Appell, von diesem kollektiven Egotrip abzurücken. Ich befürchte, dieser wird verhallen, weil diese Menschen eben nur ihre Rechte kennen. Aber dass wir als Bürger auch Pflichten haben, wird sehr gerne verdrängt. Und nein, wenn von Pflichten und Eigenverantwortung die Rede ist, dann hat das nichts zu tun mit der skandierten Corona-Diktatur, sondern es ist ein Aufruf zu einem Schulterschluss, einem kollektiven Zusammenhalt, oder zumindest einem wertschätzenden Diskurs. Diesen sollten wir uns noch ermöglichen!

Kommentare und Antworten

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  • Sepp Kirchengast Badge M21 Free Mover 19.01.2021 um 18:43
    Nur mehr Egotrips führen uns in die Situation "jede*r gegen jede*n" und damit weit weg von dem, wie wir uns gesellschaftlichen Zusammenhalt ausmalen. Um letzteren zu stärken würde ich mir den einen oder anderen neugierigen Blick über den eigenen Ego-Tellerrand wünschen. Zuhören können, die Übernahme von Eigenverantwortung, ... sind sicher auch hilfreich.
    Aber wie bringen wir eine derartige Kultur in die Sozialen Medien, die in der Art, wie sie funktionieren, genau das Gegenteil bewirken? Unhinterfragt tragen sie mit ihrer Tendenz zur Blasenbildung eher dazu bei, meinen Horizont (auch Freiraum, Freiheit) einzuengen und mich in meiner immer kleiner werdenden eigenen Wahrheit umso stärker bestätigt vorzukommen. Also auch hier am Ende der Kette ein "jede/r gegen jede/n" Szenario...
    Deshalb meine Kernfrage: Wie können wir die Filterblasen und Echokammern öffnen?
  • Sandra Schwaiger Badge M21 First Mover 19.01.2021 um 14:44
    ..eine mutige Themenwahl - ob sie gelungen ist oder nicht, kann und will ich nicht beurteilen. Die Freiheit der Individuen und der gesamten Gesellschaft im Zusammenhang mit der Impfentscheidung zu definieren scheint mir allgemein sehr abstrus. Es ist willkommenes Futter für die Populisten, egal von welcher Seite sie kommen, und wir stimmen fröhlich mit ein. Wir stimmen deswegen mit ein, weil es leichter ist, vorgefertigte Dogmen nachzusprechen, als sich ehrliche, unbequeme und phantasievolle Gedanken zu machen, was ein freies Leben für alle Menschen auf diesem Globus wirklich bedeutet.
    Wir alle haben noch viel zu wenig darüber nachgedacht, was Freiheit für uns und jeden einzelnen wirklich bedeutet. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass dieser Wertebarometer "Impfen ja oder nein" keine konstruktive Vision für die Zukunft bedeutet; auch der gesellschaftliche Schulterschluss für die Impfung wird uns die Freiheit, nach der wir uns wirklich alle sehnen, mit Sicherheit nicht bringen. Wir müssen lernen, in dieser Welt Teilnehmer zu sein und von dem Irrglauben wegkommen, dass wir alles dominieren können- weder die Gesundheit, noch die Natur und schon gar nicht den Begriff FREIHEIT....
  • Gerhard Filzwieser Badge M21 First Mover 19.01.2021 um 12:54
    Gerade dieses "Aushalten des Andersseins", diesen Diskurs über unterschiedliche Blickwinkel, ohne Vorverurteilung vermisse ich in der ganzen Pandemiediskussion sehr schmerzlich. Ich finde, diese Polarisierung bringt uns als Gesellschaft nicht weiter, aber irgendwie habe ich das Gefühl dass gerade das gewollt ist. Wenn andersdenkende als Chaoten, Leugner oder Gegner bezeichnet werden, dann mag das in einzelnen Fälle durchaus zutreffen, aber derjenige der seine Meinung als die einzig richtige durchsetzen möchte, entzieht sich damit elegant der Verpflichtung einen inhaltlichen Diskurs über Argumente führen zu müssen. Was das Thema der Impfungen betrifft, so kann und möchte ich kein Urteil über ein objektives richtig oder falsch treffen. Meine Frau war 26 Jahre lang für ein forschendes Unternehmen in der Pharmaindustrie tätig und kennt aus dieser Zeit noch sehr viele Ärzte. Viele davon sind selbst unsicher, was sie jetzt ihren Patienten raten sollen. Das ist ein Faktum. Ob das berechtigt ist oder nicht, kann ich fachlich nicht beurteilen. Es lässt Zweifel aufkommen, wenn die, die es besser wissen müssten keine klare Meinung haben. Mein Gefühl ist, bei der Pharmaindustrie stehen wirtschaftliche Gesichtspunkte bei der Entscheidungsfindung sehr weit oben ... wieder Zweifel, ob ich hier uneingeschränkt vertrauen kann. Die politischen Entscheidungsträger in diesem Land haben ihren Vertrauensvorschuss in den letzten Monaten bei mir völlig eingebüßt. Also auch an der Stelle kein gutes Gefühl. Was ist, wenn doch etwas übersehen wurde bei der Entwicklung der Impfstoffe? Kann es jemand zu 100 % ausschließen? Ist es dann aus Risikogesichtspunkten sinnvoll, möglichst alle in der Bevölkerung so rasch als möglich zu impfen? Wäre es nicht ein sinnvoller Ansatz, einmal die Risikogruppen zu impfen, wenn sie das wollen? Ich denke auch, bevor wir eine gesellschaftliche Diskussion über mangelnde Solidarität oder "Gefährder" führen, muss jedem einmal wirklich klar sein, dass jeder selbst für seine eigene Gesundheit verantwortlich ist, niemand sonst kann ihm das abnehmen. Und dazu muss er auch eigene Entscheidungen über seinen Körper treffen können und dürfen. Was fühlt sich richtig an, was nicht, ... worauf vertraue ich, worauf nicht? Für den einen hört Gesundheit bei der Schulmedizin auf, für den anderen ist Gesundheit ein wesentlich erweiterter Blickwinkel. Ein absolutes richtig oder falsch sehe ich persönlich hier nicht. Ich glaube auch die Zeit der sogenannten Experten denen wir bedingungslos folgen, auf welcher Seite auch immer sie stehen mögen ist vorbei. Wir sind auf dem Weg in eine neue Ordnung und diese ist meines Erachtens mit "altem Wissen" oder "alten Lösungsmustern" nicht gestaltbar. Also brauchen wir diesen Diskurs über unterschiedliche Blickwinkel und es darf kein absolutes richtig oder falsch geben, keine Stigmatisierung als Chaoten oder Gegner. Versuchen wir, weniger zu bewerten, sondern uns konstruktiv mit unterschiedlichen Blickwinkeln, aber auch Ängsten auseinanderzusetzen. Aber ich gebe zu, in Zeiten wie diesen ist das schwer, und mir gelingt das selbst nicht immer ...
  • Matthias Kappel Badge M21 First Mover 19.01.2021 um 09:35
    Ich bin dieser Meinung, du jener, lass uns NICHT mehr darüber diskutieren .. muss ja nicht immer sein und man kann sich trotzdem vertragen, mögen oder lieben. Freiheit - und dass sollten sich die sogenannten "freiheitsliebenden Menschen" hinters Ohr schreiben - ist auch andere Meinungen gelten zu lassen, andere Ansichten einfach zu akzeptieren und es auch dabei sein zu lassen.
    • Manfred Wimmer Badge M21 First Mover 19.01.2021 um 11:11
      Ich meine das wird in Zukunft eines der wichtigsten Themen; Meinungen gelten lassen, Ansichten akzeptieren und nicht aufeinander los gehen, wie es in den sozialen Medien aktuell praktiziert wird. Ich bin auch ein freiheitsliebender Mensch, daher lasse mich impfen. Also immer Ansichtssache. :)
Der Autor
Gerhard Hinterkörner

Business-Concierge und Charakter Trainer

g.hinterkoerner@movement21.at

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