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Gesellschaft und Wissenschaft

Ich sage Ihnen ganz ehrlich...

Ich will jetzt mal ganz aufrichtig sein und Ihnen sagen, dass mich kaum etwas mehr auf die Palme bringt, als der extra Hinweis in punkto Ehrlichkeit. Was soll man davon nur halten? Wenn sich jemand bemüßigt fühlt, darauf hinzuweisen jetzt mal kurz auf den Wahrheitsmodus umzuschalten. Auch wenn dies oftmals nicht mehr als eine leere Phrase ist, wirft es für mich doch die Frage nach der Glaubwürdigkeit dieser Person auf.

31.07.2019

Ich weiß, dass wir uns mit unseren täglichen Lügen - oder sagen wir Notlügen - das Zusammenleben erträglicher oder einfacher machen. In der Sozialwissenschaft gibt es ja die Überzeugung, dass unser gesamtes soziales Gefüge zusammenbrechen würde, wenn wir uns die Wahrheit sagten. Die Lüge wird somit die Basis für unsere soziale Existenz. Es besteht somit fast eine Verpflichtung zur Unwahrheit, weil die Wahrheit verletzen oder demütigen könnte.
 
Ich würde trotzdem zur Ehrlichkeit als Grundzustand plädieren. Es geht meiner Meinung nach darum, Maßstäbe festzulegen und diesbezüglich keine Kompromisse einzugehen. Mehr ist dazu nicht erforderlich. Zu beharren oder zu widerstehen. Man könnte in diesem Zusammenhang auch von festgelegten Prinzipien sprechen. Worauf sollte ich beharren und wo kann ich getrost widerstehen?
 
Viele von uns sind ja mit den Sprichwörtern „Lügen haben kurze Beine“, „Ehrlich währt am längsten“ usw aufgewachsen. Und doch haben wir immer schon gelogen, dass sich die Balken biegen, und dabei auch noch ein gutes Gefühl gehabt, in dem Wissen, dem anderen damit nicht geschadet zu haben.
Und wenn schon kein gutes Gefühl hatte, dann zumindest kein schlechtes Gewissen.
 
Vielleicht gibt es aber auch noch einen Mittelweg zwischen verletzender Wahrheit und Notlüge? Z.B. einfach zu schweigen. Wie viele Lügen könnten wir uns ersparen, wenn wir einfach mal die Klappe halten könnten? Das Schweigen ist eine Kunst, die unglaubliche Vorteile birgt. Worte kann man nicht ungesagt machen. Wirklich weise Menschen erkennt man meist daran, dass sie wenig reden.
 
Es gibt jedoch eine einfache Methode: bevor Sie reden, fragen Sie sich: „Ist es wahr?“ Wenn nicht, sagen sie es einfach nicht! Es gibt dann noch eine tiefere Ebene, auf der sich die Frage stellt: „Ist es nötig?“ Dann sagen Sie es, aber erst  nachdem Sie sich die Frage gestellt haben: „Ist es nett?“. Wenn Sie die letzten beiden Fragen mit "ja" beantworten können, versuchen Sie, Ihre Wortspende auch noch so zu verpacken, dass sie ihr Gegenüber inspiriert, aufbaut oder motiviert.
 
Marc Aurel hat einmal gemeint: „Es gibt nichts Schlimmeres als einen Wolf im Schafspelz. Vermeide falsche Freundschaften um jeden Preis.“ Wenn wir in unseren Gesprächen aufrichtig und wohlgesonnen agieren, wird dies Auswirkungen haben. Die Menschen werden es in unseren Augen sehen, und unsere guten Eigenschaften werden den anderen nicht entgehen.
 
Wir brauchen keine leeren Phrasen über Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit! Den alten Stoikern wie Marc Aurel ist es nicht in erster Linie um die Beurteilung des Verhaltens der anderen gegangen, sondern um das eigene.
 
Ich möchte zum Abschluss noch ein zweites Zitat eines Philosophen strapazieren. Seneca meinte: „Wo immer ein menschliches Wesen ist, bietet sich uns die Gelegenheit, freundlich zu sein“. Wie Sie diese Freundlichkeit zum Ausdruck bringen, durch Ihre netten Worte, oder durch nobles Schweigen, bleibt Ihnen überlassen.
 

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Der Autor
Gerhard Hinterkörner

Business-Concierge und Charakter Trainer

g.hinterkoerner@movement21.at

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