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Gesellschaft und Wissenschaft

Geistige Magersucht

Stellen sie sich vor, sie liegen mit ihrer tiefsten Überzeugung falsch! Sehr unwahrscheinlich, werden sie denken. Leider nicht. Das Beharren auf seinen kognitiven Fähigkeiten ist angesichts unserer unzuverlässigen Wahrnehmung eigentlich total absurd.

23.07.2019

Den witzigsten Beweis, wie schwach unsere Aufmerksamkeit sein kann, zeigt das sogenannte Gorilla-Experiment:
Im Hörsaal der University of Illinois wurden die Studenten gebeten, die Zuwürfe zweier verschiedener Basketball-Teams zu zählen. Natürlich ein rasantes Spiel und somit eine Konzentrationsaufgabe. Nach ca. einer halben Minute geht eine Person mit einem Gorilla-Kostüm durch die Teams hindurch, hält sogar an, klopft sich auf die Brust und verschwindet wieder. Kurz nach diesem Auftritt werden die Studenten gefragt, wie oft sich die verschiedenen Teams den Ball zugeworfen haben. Damit hatten die Studenten kein Problem. Aber wie viele schätzen sie, haben den Gorilla gesehen? Mehr als die Hälfte hat nichts bemerkt!

Für mich ist das ein sehr gutes Beispiel, wie wir mit Wissen und Wahrnehmung umgehen. Wir werden von Algorithmen mit Informationen gefüttert, die unsere Meinung bestärken. Das ist auch sehr angenehm und bestärkt uns in dem Glauben, dass wir die Wahrheit gepachtet haben. Andere oder gar gegenteilige Meinungen oder Haltungen werden schnell als herausfordernd oder gar provozierend empfunden.

Es ist schon erstaunlich!
In einem anderen Kontext (z.B. bei unseren Kindern) sind wir uns absolut einig, wie einzigartig die Menschen sind, und auch bei unserer Liebsten ist es klar, es gibt keinen zweiten Menschen wie diesen auf der Welt. Warum nehmen wir dann im Alltag so oft an, dass der andere alles ganz genauso empfinden und sehen muss, wie man selbst. Und sind dann sehr überrascht, wenn andere Dinge tun, die man absolut nicht verstehen kann. Wenn wir das Leben als so individuell und einzigartig akzeptieren, ist das ja nur eine logische Konsequenz. Und jegliches Urteilen und Vergleichen würde damit enden.

Ein Mitglied der Movement 21 hat mir vor einiger Zeit einen Artikel aus dem „Standard“ übermittelt, der sich diesem Thema angenommen hat. Dieses Essay war von Ilija Trojanow, einem Schriftsteller, der beim kommenden Forum Alpach ein Seminar über „Intellektuelle Selbstverteidigung“ halten wird. Dieser schreibt von einer uns drohenden geistigen Magersucht, wenn wir nicht lernen, mit Informations-Overkill, Manipulation, Einseitigkeit und Propaganda umzugehen. Wir sollten uns viel mehr auf intellektuelle Überraschungen und Entführungen einlassen, als veralteten Systemen wie Bürokratie und Hierarchie nachzuhängen.

In dem Wissen, dass Magersucht auch oft tödlich endet, würde ich in meiner Formulierung nicht so weit gehen. Aber die Ernsthaftigkeit der Lage ist mir schon vor längerer Zeit als Facebook-User klar geworden. Die Positionen, die dort beispielsweise vom äußerst rechten und linken Rand bezogen werden, nehmen an Radikalität derart zu, dass man sie nur noch als menschenverachtend bezeichnen kann. Aber das ist ja hinlänglich bekannt. Was ich aber wirklich interessant fand: die Ansichten, die diese Ränder vertreten, sind so eng beisammen, dass dazwischen nicht mehr das sprichwörtliche Blatt Papier passen würde.

Die Vertreter dieser radikalen Parteien hassen sich so abgrundtief, und doch vereinen sie sich in Ihrer Null-Toleranz und ihrer Meinungsdiktatur. Das führt mich an den Anfang. Man stelle sich vor, diese Menschen schließen die Augen und stellen sich vor, sie liegen mit ihren Überzeugungen falsch.

Vielleicht würden sich daraus jene Persönlichkeiten entwickeln, die wir brauchen: Menschen die sich ihrer eigenen Widersprüche und Leidenschaften kritisch bewusst sind.

 

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Der Autor
Gerhard Hinterkörner

Business-Concierge und Charakter Trainer

g.hinterkoerner@movement21.at

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