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Gesellschaft und Wissenschaft

Der rote Faden zu unserem Herzen

Eine Demokratie sucht den kleinsten gemeinsamen Nenner und ist um das Anliegen des Volkes und vor ALLEM DEN SOZIALEN ZUSAMMENHALT bemüht. Inwieweit sich unsere Bundesregierung um Letzteres bemüht, lasse ich als offene Frage stehen.

21.12.2021

Als ehemalige Pädagogin weiß ich aber, dass sich jedes Mitglied eines sozialen Gefüges nur wohl fühlt, wenn es gesehen, respektiert und verstanden wird. In einer aufgeklärten Gesellschaft respektiert man die (scheinbare) Unvernunft des anderen und bemüht sich um einen breiten Kompromiss. Kompromisse sind keine billigen Eingeständnisse, sondern ein Ausdruck höchst demokratischer und empathischer Fähigkeiten.

Die angespannte gesellschaftliche Situation bietet im Moment vielen Meinungsmachern und selbsternannten Sachverhaltsaufklärer, dort wie da, eine willkommene Bühne, wo nicht davor zurückgescheut wird, zu unschöner Bildsprache zu greifen. Ich vermisse in allen „Lagern“ die Fähigkeit der Unterscheidungskompetenz, den notwendig Schritt zur Seite, um breiter auf die Themen und Hintergründe zu schauen. Es ist so einfach, mit den Wölfen zu heulen. Eine eigene innere Haltung zu kultivieren, bedeutet, mit sich selbst einen einfühlsamen, selbstkritischen Dialog zu führen. Das ist meistens etwas Unangenehmes, weil man dabei eventuell auf Zustände trifft, die da „Ungeduld“, „Angst“, „Orientierungslosigkeit“, „Geltungsbedürfnis“, … heißen. In Zeiten der Krise, und ich habe das Gefühl, dass wir jetzt ganz tief in einer kollektiven emotionalen Krise stecken, werden die inneren Nöte sichtbar. Sie drücken sich zu tausenden auf der Straße in unseren Städten aus, sie drücken sich als Kommentare in den social medias aus, sie kumulieren in den Familien und Freundeskreisen, in Artikel und Schlagzeilen. Wir sind in einer riesengroßen Neurose angelangt und finden den roten Faden zu unseren Herzen nicht mehr. Und ich bin mir sicher, dass dies keine aktuelle Erscheinung aus den Umständen der letzten beiden Jahre ist, sondern ein Ergebnis unserer fragwürdigen Lebensweise der letzten Jahrzehnte. Als Kinder sind wir in den Siedlungen zwischen den Häusern herumgerannt und mussten kaum bis keine Zäune überwinden. Sehen wir uns die heutige Zaunkultur an. Durch die allerorts errichteten Steinwände findet nicht einmal mehr eine Maus durch. Weil wir uns es finanziell leisten können, klammern wir die Schrulligkeit unseres Nachbarn einfach aus. Jetzt verlangen wir voneinander Verständnis, wo wir eigentlich nicht mehr wissen, wie unser Nachbar aussieht. Wir erwarten vom jeweils anderen solidarisches Handeln und haben eigentlich keine Ahnung, was es bedeutet, wenn ein ganzes Dorf zusammenhilft.

Ein weiteres Phänomen, das sich in unseren modernen Lebensstil eingeschlichen hat, prägt unser Agieren. Ich nenne es den Verlust der Fähigkeit zu Sinnlichkeit. Ich meine die Momente im Alltag, die sich ganz vollständig anfühlen, wo scheinbar jede Zelle involviert ist in der Begegnung, die gerade stattfindet, im Tun, das durch die eigenen Hände gleitet, im kreativen Schaffen, in dem sich Raum und Zeit auflösen, eben Momente, in die wir voll und ganz hineinkippen. Lustvoll, achtsam, intensiv. Unsere sinnliche Komponente hat sich in Konsum und von außen provozierter Lust kompensiert. Mode, Trend und andere manipulative Mechanismen suggerieren uns was schön ist, bis wir selbst nicht mehr wissen, was uns eigentlich gefällt. Der Verlust an natürlicher Sinnlichkeit bedeutet einen gleichzeitigen Verlust an Sinnbewusstsein. Die moderne Gesellschaft hat sich in einen weltumspannenden Sinnverlust hineinmanövriert. Ohne Idee und vor allem Gefühl für einen tiefen Lebenssinn, hängen wir nun an den Lippen der Wissenschaftler, die es hoffentlich endlich anhand ihrer unzähligen Studien, Fakten und Zahlen beweisen, wie das Leben und Sterben funktionieren. Corona, die angekündigte Impfpflicht und das möglicherweise langsame Verschwinden der bisher als gut empfundenen demokratischen Säulen sind nur Symptome für das, was die (moderne) Menschheit eigentlich plagt.

Stellen wir uns vor was passieren wird, wenn wir weiterhin mit immer unschön werdenden Sprachbildern mit dem Finger aufeinander zeigen. Ist das nicht ein bisschen billig? Nennt man dies eine etablierte, kultivierte und hoch entwickelte Gesellschaft? Jetzt stehen wir einander auf der Straße und in den virtuellen Plattformen gegenüber und brüllen uns gegenseitig an, wer nun zu wenig Blut im Gehirn hat. Wie soll das weitergehen? Können wir bitte innehalten und das üben, was man in der östlichen Philosophie „Unterscheidungskompetenz“ nennt? Ich wünsche mir so sehr, dass jemand kommt und uns zeigt, was hier alles fälschlicherweise vermischt wird, welche inneren Mängel uns veranlassen, inzwischen so grausam miteinander umzugehen. Hinter jedem, der eine Entscheidung fällt, steckt ein ganz menschlicher Mensch, den wir vor zwei Jahren noch als unseren Bruder, Freund oder wertvollen Kollegen geschätzt haben. Und nun reihen wir ihn in die Liste der Geächteten ein. Ich will auch in 10 Jahren auf meine würdevolle und respektvolle Haltung gegenüber allen Menschen während der Krise, die uns jetzt umgarnt, zurückblicken. Ich will mich nicht dafür schämen müssen, weil ich andere als Dummköpfe, Idioten oder Menschen mit blutarmen Gehirnen bezeichnet habe.  Ich will mich darin üben, über mich selbst und meine Beweggründe für ein Urteil zu reflektieren. Wir haben jetzt die Chance, bessere Menschen zu werden. Nutzen wir sie bitte!

 

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Die Autorin
Sandra Schwaiger

Inhaberin des Yogastudios innen.raum., Yogalehrerin und leidenschaftliche Denkerin über die großen Fragen des Lebens. Gemüsegärtnerin und Autodidaktin.

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